Deprecated: Method ReflectionProperty::setAccessible() is deprecated since 8.5, as it has no effect since PHP 8.1 in /home/www/janmenser/site/addons/MathAddOn.php on line 37
Trigger Warnung!

Trigger Warnung!

11. September 2024

Tags: Gesundheit, Gesellschaft
Lesezeit: 7 Minuten

Der Schrei

Das Thema mentale Gesundheit ist für mich sehr wichtig. Im Artikel »Mentale Gesundheit« habe ich mich ausschließlich mit meinem beruflichen Alltag beschäftigt und dabei festgestellt, dass ein Monat für dieses Thema nicht reicht. Zum beruflichen »Ich« kommt ja noch mein privates »Ich«. Damit will ich mich auch noch ausreichend beschäftigen. Ich werde zu diesem Thema noch mindestens zwei Artikel schreiben – und einer von diese ist dieser hier!

Der Titel »Trigger Warnung!« lässt vielleicht schon einen Verdacht aufkommen. Ich werde hier ein Tabu-Thema behandeln, was wahrscheinlich nicht alle Leser gut vertragen. Darum will ich jetzt warnen: wer mit dem Thema sexuelle Gewalt nicht klarkommt, der sollte nicht weiterlesen.

Es ist 1992

Jeder kennt eine ähnliche Zeile aus einem bekannten Lied von Fettes Brot. Für mich ist dieses Jahr der Einschnitt meines Lebens; im Alter von zwölf hat sich meine Freundin halt nicht in der Sonne gebräunt. Es ist etwas anderes passiert: meine Eltern hatten mir einen Sony Walkman geschenkt!

Walkman

Ganz stolz habe ich den mit einer Kassette beladen und bin zum Angeben in die Richtung meines besten Freundes gelaufen. An die Musik, die ich gehört habe, kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich war das eine Kassette von meiner Schwester mit den Hits der 80er. Das Wetter war gut, das genaue Datum könnte ich nachschlagen, es spielt aber keine Rolle für die Situation. Die Straße entlang derer ich lief, wurde vor einiger Zeit umgelegt und erneuert. Früher war hier nur ein Weg durch Büsche und Wiesen. Jetzt gibt es hier eine richtige Straße mit einer Zufahrt zu den Duisburger Stadtwerken.

Vertieft in die Musik auf meinem geilen neuen Walkman ist mir der Mann erst aufgefallen, als er mich bereits angesprochen hatte: „Kannst du mir helfen. Ich hatte in der Einfahrt einen Motorradunfall?“ Ich bin schon sehr behütet aufgewachsen und habe mir nichts dabei gedacht. Also bin ich mit dem Mann ca. 50 m in die Einfahrt gelaufen. Gewundert habe ich mich dann schon sehr, denn es war kein Motorrad zu sehen, doch dann war es schon zu spät!

Opfer

Bei Kindern unter 14 Jahren ist immer von sexueller Gewalt auszugehen. Und die Zahlen von sexuellem Missbrauch von Kindern steigen seit Jahren immer weiter an. Im Jahr 2022 sind über 15.000 Fälle angezeigt worden. 2013 waren es »noch« ca. 8.000. Leider zeigen diese Zahlen nur das Hellfeld. In Dunkelfeldstudien wird davon ausgegangen, dass jeder achte bis siebte Erwachsene Opfer sexueller Gewalt im Kindesalter gewesen sein könnte. Wir reden hier also nicht von 15.000 Fälle pro Jahr, sondern wahrscheinlich von einer Zahl von mehr als 100.000 Opfern pro Jahr.

Den Statistiken des Hellfeldes sind dreiviertel der Opfer Mädchen, der Rest halt Jungen. In NRW sieht es noch dramatischer aus. Über alle Fälle der sexuellen Gewalt (inklusive Erwachsene) sind 95% der Opfer weiblich. Puhh! Die Zahl muss ich auch erstmal verdauen.

Dieser Absatz ist stark verkürzt. Für mehr Infos gibt es Suchmaschinen!

Wenn du nicht das machst, was ich sage,
bring ich dich um!

Wie gesagt: es war bereits zu spät. Und es ging sehr schnell. Innerhalb von wenigen Momenten hatte mich der Mann ins Gebüsch gezerrt und drückte mir die Hand auf Mund und Nase. Ich bekam keine Luft. Ich konnte gar nicht so schnell realisieren, was gerade passiert. Nach einigen Sekunden – vielleicht auch länger – sagte er diesen Satz. Dann war klar, was kommen wird.

Da wir hinter einem Gebüsch, quasi im Wald waren, kann ich mich noch gut an den erdigen Boden erinnern. Wir hatten Sommer und es lagen trockene Stöckchen herum, die sich in meine Beine drückten. Er öffnete seine Hose. Es war eine Jeans. Ob mit Reißverschluss oder Knöpfen, kann ich nicht mehr sagen.

Insgesamt sind die Erinnerungen an die Tat in den letzten dreißig Jahren verblasst. Ich denke auch, dass mein Gehirn eh direkt einiges ausgeblendet hat. In eine richtige und vollständige Reihenfolge, was dann alles kam, kann ich den Tag nicht mehr bringen.

Täter

Ich kannte den Mann nicht. Die meisten Täter kommen aus der Familie (25%) oder dem näheren Bekanntenkreis (50%). Fremdtäter (ja, ich gendere hier jetzt absichtlich nicht) sind die absolute Ausnahme. Ca. 80% der Täter sind Männer oder männliche Jugendliche.

Bei Jungen sieht die Datenlage so aus, dass die meisten Täter von außerhalb der Familie kommen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ich reagiert hätte, wenn es ein Angehöriger gewesen wäre.

Aus welchem Grund, verüben diese Menschen solche Taten? Die einhellige Meinung ist: Macht! Wenig zeigt vermeintlich mehr Macht, als jemand anderen zu Befriedigung seiner sexuellen Lust, zu zwingen. Es zerbricht das Opfer total. Daher kommt auch die Diskussion, diese Taten mit sexualisierter Gewalt zu benennen. Sexuelle Handlungen werden als Mittel Gewalt und Macht auszuüben verwendet.

Fight, Flight, or Freeze

Kämpfe, fliehe oder erstarre! Ich weiß welcher Typ ich bin: freeze!

In starken Stresssituationen, besonders wenn es ums Überleben geht, reagiert der Körper instinktiv. Diese Reaktion bereitet den Körper darauf vor, entweder zu kämpfen, zu fliehen oder in einer schockartigen Starre zu verharren. Physiologischen Veränderungen versetzen den Körper in einen Zustand höchster Alarmbereitschaft, um die Bedrohung effektiv zu bewältigen. Die spezifische Reaktion – ob Kampf, Flucht oder Starre – hängt von der Art der Bedrohung, der Umgebung und individuellen Faktoren ab.

Erstarren ist eine häufige Reaktion auf soziale Bedrohungssituationen, wenn eine Flucht oder Kampf nicht möglich ist. Es war klar, dass Flucht oder Kampf in meiner Situation nicht erfolgreich sein wird. Es war mir in der Situation vollkommen klar: Ich war gefangen.

Der Typ macht sein »Versprechen« wahr!

Wie fühlt es sich an, nur noch reagieren zu können? Keine Chance auf Flucht, Sicherheit, Leben! Ganz einfach: nach gar nichts! Die ersten 10 Sekunden – oder waren es 60, oder 120 – klar da hatte ich Angst. Danach war ich leer. Es ist alles wie im Film an mir vorbeigegangen, keine Emotion. Die Angst war verflogen. Nur der Ekel war noch da – ganz gedimmt im Hintergrund. Ich war eine Puppe, fertig zum Gebrauch.

Freunde und Bekannte

Von Männern oder Jungs wird erwartet, dass sie stark sind! Leider ist ein 12-Jahriger nicht stark und vieles im Umfeld ist einfach nur grausam. Die Jahre nach der Tat waren wirklich schlimm. In der Retrospektive stechen zwei Situationen besonders heraus. Und genau diese Situationen belasten mich viel stärker, als die Tat.

Warum bist du denn überhaupt mitgegangen?

Das ist eine einfache Frage mit unendlich schweren Antworten. Brigitte hat mir diese Frage gestellt. Sie war damals um die 50 und hat selbst eine Tochter, die deutlich älter war als ich. Jetzt wo ich darüber schreibe kommen mir unkontrolliert die Tränen, 31 Jahre später!

Eine ganz einfache Frage! Nur welche Antwort erwartet sie. Kann sie sich nicht vorstellen, dass ich mir diese Frage vielleicht auch schon mal gestellt habe? Ist ihr nicht klar, dass genau die Antwort auf diese Frage, vieles von meinem Leid hätte abwenden können?

  • Eine ganz einfache Frage, die es geschafft hat mich länger zu beeinflussen, als die Vergewaltigung an sich.
  • Eine ganz einfache Frage, die immer noch so schmerzt wie ein Dolchstoß, der bis heute nicht verheilen will.
  • Eine ganz einfache Frage, die sich jeder Mensch stellt, der schon mal in einer solchen Situation war, aber keine Antwort findet.
  • Eine ganz einfache Frage, für die ich auch jetzt noch keine Antwort gefunden habe.

Darum gebe ich dir jetzt die einzig richtige Antwort auf deine Frage: Liebe Brigitte, ich kann nichts für deine Einfältigkeit. Hättest du dir vorher Gedanken über deine Frage gemacht, hättest du sie vielleicht nicht gestellt. Ich glaube aber nicht, dass du wirklich eine Antwort erwartet hast, du hast sie als getarntes Mitgefühl aus Sensationslust gestellt. Wie soll denn auch ein traumatisierter 12-Jahriger diese Frage beantworten. Darum bitte ich dich, nie wieder mit traumatisierten Menschen umzugehen. Diese Menschen haben besseres zu tun, als dumme Fragen von dummen Menschen zu beantworten!

Wenn du das nicht machst, erzähl ich allen, was passiert ist!

Nur dieser Satz ist noch da. Ich weiß nicht mal mehr worum es eigentlich ging. Nur diese Erpressung meines damals besten Freundes ist geblieben.

Der Umgang zwischen uns beiden damals war – sagen wir mal eher rau. Direkt aufgefallen ist mir dieser Satz auch nicht. Es sickerte langsam aber stetig in mein Bewusstsein. Und dort sitzt er fest und lässt mich stetig an alles und jedem zweifeln. Mir fällt dazu das oft zitierte Sprichwort, „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ ein.

Tja, jeder hat die Freunde, die er verdient, oder? Ich könnte weiter Phrasen dreschen, das macht die Ausgangslage nicht besser. Er hat mich einfach erpresst, wahrscheinlich für eine richtige Lappalie. Kinder sind halt grausam, und auch er war damals halt ein grausames Kind.

Diese Schlussfolgerung ist definitiv durch langes Nachdenken entstanden, irgendwie habe ich ihm das einfach nicht wirklich übelgenommen. Warum weiß ich nicht. Wir hatten auch noch lange Zeit nachher eine gute Freundschaft. Ich habe das Thema auch nie angesprochen und jetzt, 31 Jahre später, werde ich das Thema auch nicht mehr ansprechen. Ich glaube, dass er sich sowieso nicht mehr daran erinnern wird, und dann hat er auch nicht wirklich eine Chance eine gute, ehrliche Diskussion mit mir zu führen. Ich will keine Brigitte sein!

Trotzdem ist dieser Satz gesagt worden und beeinflusst mich immer noch.