Deprecated: Method ReflectionProperty::setAccessible() is deprecated since 8.5, as it has no effect since PHP 8.1 in /home/www/janmenser/site/addons/MathAddOn.php on line 37
Migräne

Migräne

4. März 2024

Tags: Gesundheit, Wissenschaft
Lesezeit: 17 Minuten

Migräne

Jeder kennt sie. Einige nur nach durchzechten Abenden, Andere fast täglich mit drastischen Einschränkungen der Lebensqualität – Kopfschmerzen! Bis zu meinem 40. Lebensjahr war ich Typ 1. Kopfschmerzen kannte ich nur in der Form eines Katers. Das schöne am Kater ist, man weiß, wo die Schmerzen herkommen und hat es selbst in der Hand, wie stark sie sind. Als ich dann im Frühjahr 2020 wahrscheinlich mit Corona aus dem Urlaub zurückkam, fingen die regelmäßigen Kopfschmerzen an. Mittlerweile ist gut untersucht, dass eine Coronainfektion die Stärke von Migräne verschlimmert. Häh, vorher keine Migräne, dann Corona, dann Migräne??? So einfach war es dann doch nicht!

Bereits seit 2016 habe ich mehrfach pro Jahr eine Aura, also Augenmigräne. Das ist eine seltene Unterform der Migräne. Als es mich das erste Mal traf, hatte ich Angst, dass es ein Schlaganfall ist. Bei der ersten Attacke haben Viele diese Sorge. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Ich saß zusammen mit meiner Partnerin in einem Restaurant, als es anfing. Zuerst wurde das Gesichtsfeld einseitig dunkler, immer dunkler, bis ich auf der linken Seite quasi nichts mehr sehen konnte. Dann fing das Stroboskop an. Erst ganz leicht. Dann fast so, als würde ich mich im Club direkt vor die Lichtorgel stellen. Und dann kamen die Farben, Dreiecke, Striche, die wanderten und sich veränderten. Die Zeichnung, die das Geflacker am besten beschreibt ist diese hier. Lest euch mal die Kommentare durch, offenbar »sehen« andere Aurapatienten unterschiedliche Dinge.

Die Dauer der Sehbeeinträchtigungen ist zwischen 20 und 60 Minuten, wobei ich ca. 1/3 der Zeit so eingeschränkt bin, dass ich noch nicht mal die Schrift auf einem Computermonitor oder Handy lesen könnte. Meine Aura ist komplett unabhängig von »normalen« Migräneschmerzen. Sie tritt unabhängig davon auf. Seit jedoch eine normale Migräne nach 2020 hinzugekommen ist, sind die Auren deutlich seltener geworden. Dafür habe ich dann andere Probleme und würde das gerne wieder zurücktauschen.

Arten von Kopfschmerzen

Man wird faul mit dem Alter, darum habe ich einfach mal ChatGPT nach einer kurzen Zusammenfassung gefragt und noch ein wenig umgeschrieben:

In der Kopfschmerzwelt sind Spannungskopfschmerzen die lästigen Alltagsbegleiter, Migräne der dramatische Star, der die Show stiehlt, und Clusterkopfschmerzen der fiese Schurke, den man lieber nicht trifft. Jede Art hat ihre Eigenheiten und erfordert unterschiedliche Strategien, um sie in Schach zu halten.

Spannungskopfschmerzen

img

Stell dir vor, dein Kopf wird von einem unsichtbaren, viel zu engen Stirnband umschlungen. Das ist der Klassiker unter den Kopfschmerzen, der sogenannte Spannungskopfschmerz. Er fühlt sich an, als würde jemand sanft (naja, vielleicht nicht so sanft) deine Schläfen zusammendrücken. Sie sind die Art von Kopfschmerzen, die dich nerven, aber normalerweise nicht dein gesamtes Tagesprogramm über den Haufen werfen.

Migräne

img

Migräne ist wie der dramatische Hauptcharakter in der Welt der Kopfschmerzen. Sie kündigt sich manchmal mit einer Aura an – einer Art Vorspann mit Lichtblitzen oder seltsamen Empfindungen. Dann tritt sie voll in Erscheinung: Ein pochender Schmerz, meist auf einer Kopfseite, begleitet von einer Abneigung gegen Licht und Lärm (ja, die Welt ist plötzlich zu hell und zu laut) und manchmal auch Übelkeit. Migräne hat die unangenehme Eigenschaft, dich aus dem Verkehr zu ziehen, und zwingt dich oft, dich in einem dunklen, stillen Raum zu verstecken, bis der Spuk vorbei ist.

Clusterkopfschmerzen

img

Clusterkopfschmerzen sind die unangenehmen Cousins in der Kopfschmerzfamilie. Stell dir vor, hinter einem deiner Augen sitzt jemand mit einem glühenden Eisenstab und hat nichts Besseres zu tun, als gelegentlich darauf herumzustochern. Klingt grausam? Ist es auch. Diese Kopfschmerzen treten in Serien oder „Clustern“ auf, oft zur gleichen Zeit des Tages oder der Nacht, und können dich wochen- oder monatelang plagen, bevor sie wie ein böser Geist wieder verschwinden. Sie sind selten, aber wer sie hat, weiß, dass sie kein Spaß sind.

Ich will nun etwas genauer auf meine Arten der Kopfschmerzen eingehen. Ich kenne die Nadeln, die einen auf dem Fahrrad zusammenzucken lassen, so dass man fast die Kontrolle verliert. Ich kenne dieses pochende, bohrende, migräneartige, was entweder auf einer Kopfseite sitzt oder hin und her wandert. Ich kenne den Schraubzwinge, die einem die Stirn zusammenpresst, so dass man kaum einen klaren Gedanken fassen kann.

Zum Glück bin ich nicht so stark betroffen. Mein Schmerzstärke geht bis zu maximal 5 oder 6 auf der Schmerzskala. Bekannte mit Migräne haben neben den Schmerzen auch noch vor allem Übelkeit als Symptom. Mir reicht bei stärkeren Anfällen Ruhe, etwas Dunkelheit und ein Schmerzmittel – keine Triptane.

Tagebuch

Ich sitze am Computer auf der Arbeit und lese ein Paper.

Komisch. Warum habe ich gerade solche Probleme die Schrift zu entziffern?

Es wird immer schlechter!

Ich schaue aus dem Fenster.

Alles ist grell, obwohl es eigentlich draußen bedeckt ist.

Alles ist unscharf, außer ein super kleiner Fleck in der Mitte meines Gesichtsfeldes.

Jetzt geht es los!

Oft ist dann der erste Griff der zum Handy um einen Eintrag in mein Migränetagebuch zu machen. Nur was schreibe ich dort hinein? Das ist eine gute Frage! Unter dem Suchbegriff »Migränetagebuch« findet man massenhaft Einträge. Es gibt ganz einfache .PDFs, die quasi nur Beginn, Dauer, Stärke und eingenommene Medikamente abfragen. Im Kopfschmerzzentrum in der Uniklinik Essen habe ich ein deutlich ausführlicheres Dokument bekommen, in dem zusätzlich noch die Art und der Ort des Schmerzes, mögliche Ursachen, Blutdruck und die Auswirkung von Sport erfragt wird. Leider hat mit keines der beiden so richtig geholfen, da ich einfach keine Papiersammlung mitschleppen will.

Für das Handy gibt es ja auch einen gut gefüllten App-Store. Da habe ich auch drei verschiedene Apps ausprobiert und keine davon überzeugt. Eigentlich immer hat mir das Eingeben der Daten viel zu lange gedauert und war dafür auch zu restriktiv. Mir passiert es halt, dass ich aufwache mit einem dumpfen, leichten Kopfschmerz auf der linken Seite, der dann zum Nachmittag in ein stechenden Schmerz an der rechten Schläfe übergeht. Nicht so richtig klassisch.

Also habe ich die Notes App auf dem Handy genommen und einfach für jeden Kopfschmerztag einen sehr kryptischen Freitext eingetippert. Das liest sich dann wie folgt:

Ab 17 Uhr. Stärke 4 pulsierend. Rechts und wandernd. Abends stiche im Auge links. Sehfeldeinschränkungen. Konzentration sehr schlecht. Dauer 72h periodenweise. Nurofen hat nicht geholfen

oder:

ab 14:00 Uhr, stärke 4/10, schlechte Konzentration. hauptsächlich links, der schmerz hat aber an rechter Schläfe begonnen. Nasses Handtuch auf Stirn hilft ein wenig.

Nur wie bekommt man aus diesen Einträgen ein System? Oder noch viel wichtiger: was sind die Punkte, die ich regelmäßig aufschreibe? Dazu habe ich mein gesamtes Tagebuch der letzten drei Jahre mit 105 Einträgen in eine Excel-Tabelle übertragen und dabei versucht eine möglichst universelle Tabelle zu erzeugen:

  • Datum
  • Beginn
  • Dauer
  • Stärke – 1 bis 10 Skala
  • Art – pulsierend, brummend, stechend
  • Ort
  • Konzentration: 1 leicht bis 3 stark eingeschränkt
  • Auge – Stärke der Einschränkung 1 bis 3
  • Auge – Art der Einschränkung: Stechen, Druck, Sehkraft, Aura
  • Medikamente – Menge, Art und Wirkung
  • Sport – besser, keine Auswirkung, schlechter
  • Mögl. Ursachen – z.B. schlechter Schlaf, Stress, zu wenig getrunken, Alkohol
  • Kommentare

Nachdem das Tagebuch jetzt systematisiert ist, können wir mal anfangen auszuwerten. Da die Bearbeitung des Tagebuchs deutlich länger gedauert hat, als erwartet, habe ich bis jetzt nur recht einfache Auswertungen gemacht.

img

Die Abbildung zeigt die Dauer der Migräneanfälle. Die größte Anzahl der Anfälle dauern weniger als einen halben Tag, dicht gefolgt von den Anfällen, die weniger als einen Tag dauern. Bis zur Dauer von fünf und mehr Tagen nimmt die Häufigkeit stetig ab. Leider konnte ich die zeitliche Entwicklung schlecht darstellen. Es scheint so, dass die mittlere Länge stetig zunimmt.

img

Auch bei der Stärke gibt es eine Häufung der Anzahl bei einem niedrigen Wert von 2. Jedoch darf ich dabei nicht vergessen, dass gerade die schwachen Anfälle oft mit Konzentrationseinschränkungen verbunden sind. Im Anschluss daran folgen Anfälle mit Stärke 4. Das hört sich jetzt nicht sehr viel an. Darum will ich kürz aus der Definition der Schmerzskala zitieren: „Ich bin mir meiner Schmerzen ständig bewusst, aber ich kann die meisten Aktivitäten fortsetzen.“ Als Extrem meines Tagebuchs zitiere ich jetzt nochmal die 6: „Ich denke die ganze Zeit an meine Schmerzen. Ich gebe viele Aktivitäten wegen meiner Schmerzen auf.“

Schlechter Schlaf als Auslöser?

In ca. 10% meiner Migräneattacken habe ich als mögliche Ursache »schlechter Schlaf« oder »zu wenig geschlafen«. Wahrscheinlich habe ich bei diesen 10% ganz offensichtlich gemerkt, dass ich schlecht geschlafen habe. Ein systematisches Herangehen war das nicht!

Schlafprobleme scheinen bei sehr vielen Migränepatienten ein entscheidender Auslöser zu sein, oder auch doch nicht? Die Fachwelt scheint sich in dieser Frage nicht einig zu sein. Es gibt leider keine Studien mit eindeutigem Ergebnis – entweder ist die Teilnehmerzahl zu klein oder die Signifikanz nicht ausreichend. Denn hier tritt das berühmte Henne-Ei Problem zu Tage. Wird der Schlaf durch Migräne schlechter oder führt schlechter Schlaf zu Migräne? Oder ist Stress der Auslöser für schlechten Schlaf und Migräne? Oder führt Stress zu schlechtem Schlaf und der dann zu Migräne? Fragen über Fragen!

Auf jeden Fall gibt es deutliche Hinweise, dass Schlafprobleme ein Auslöser für Migräne sein kann – in Mäusen. Da diese Studie sehr aktuell (2024) ist und wahrscheinlich auch wichtige Einsichten gibt, lasse ich diese Studie durch den graphical abstract zusammenfassen

img

Aus anderen Studien geht hervor, dass etwa 50% von Migränebetroffenen angeben, dass Schlafmangel mit Migräne zusammenhänge. Das Problem anekdotischer Aussagen ist immer, dass diese nicht quantifizierbar sind und daher nur einen »ersten Eindruck« für weitere Studien bieten. Und genau das hat die erstgenannte Studie in Mäusen beantwortet.

Angesichts dieser Zahlen ist wohl klar, dass ich für mich den Zusammenhang besser erkunden muss. Daher werde ich ab heute (24.06.2024) versuchen ein Schlaftagebuch zum Migränetagebuch zu führen.

Stress als Auslöser?

Bei diesem Abschnitt bin ich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr enttäuscht darüber, wie einige Internetseiten dieses Thema behandeln. Ja, M-sense und ja, Schlossparkklinik Dirmstein. Ihr seid gemeint.

  • Als „Migräne-Ratgeber“ noch nicht mal den Unterschied zwischen oxidativem Stress und Stress im Sinne der eigenen Beschreibung begreifen!
  • Als „Fachklinik“ für psychische Probleme, noch nicht mal die Referenzen, die zitiert werden, richtig lesen!

Daher möchte ich mich Peter J. Goadsby anschließen, der sagt:

„a change in hypothalamic-pituitary axis–driven glucocorticoid activity, more so during stress and less afterward, with migraine triggered by the reduction in steroid level. All are testable hypotheses.”

Also:

„Eine Veränderung in der durch die Hypothalamus-Hypophysen-Achse gesteuerten Glukokortikoidaktivität, besonders während Stress und weniger danach, mit Migräne ausgelöst durch die Reduktion des Steroidspiegels. Alle sind überprüfbare Hypothesen.“

Im Prinzip sagt er, fast 80% aller Migränepatienten nennen Stress als Hauptauslöser. Stress und Stressveränderungen sind mit einfachen Bluttests messbar. Also wenn ihr diese Hypothese habt, dann macht die Messungen und zeigt das in einer placebokontrollierten Studie, dass es so ist. Über Schlaf gibt es Studien (wie oben zitiert). Über Sport gibt es Studien und Ideen der Wirkmechanismen. Warum nicht über den meistgenannten Migränetrigger?

Mit einem Zitat einer recht neuen Studie (2021) will ich diesen Abschnitt beenden, sonst bekomm ich noch Kopfschmerzen!

„Die genauen kausalen Zusammenhänge, in denen Stress das Auftreten, die Chronifizierung, die Migräneanfälle oder die erhöhte Belastung durch Migräne verursacht, sind nach wie vor unklar.“

Wetter als Auslöser?

Es gibt immer mal wieder die Aussage, dass Migräne durch Wetterveränderungen hervorgerufen werden kann. Einige Experten behaupten es sei die vierthäufigste Ursache, während andere keinen Zusammenhang sehen. Warum die Studienlage gerade in diesem Punkt so schlecht ist, kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe keine 6h am Computer gebraucht, bis ich eine Auswertung von historischen Wetterdaten zusammen mit meinem Migränetagebuch fertig hatte.

img

Das sollten dann auch andere Wissenschaftler hinbekommen 😉. Disclaimer: Alles was jetzt kommt, ist nur für meinen Fall relevant und kann nicht auf andere Menschen übertragen werden.

Welche Fragen stelle ich mir bei der Auswertung?

  1. Sieht man einen einfachen Zusammenhang zwischen der Temperatur, dem Luftdruck und Migränetagen?
  2. Sind Änderungen von Druck und Temperatur verantwortlich für meine Migräne?

Die Auswertung besteht aus verschiedenen Schritten als Ergebnis zu erhalten: Migräne ist wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher untern diesen Wetterbedingungen. Um Verhältnisse zwischen der Verteilung aller Wetterereignisse und der mit Migräne im Zeitraum der letzten drei Jahre, habe ich die die Temperaturen, die Luftdrücke, deren jeweilige Änderungen zu Vortag in Häufigkeitsverteilungen umgewandelt. Das bedeutet, dass ich nicht mehr für jeden Tag jeweils die vier oben genannten Werte habe, sondern die Werte nach Größe sortiere und in Größenklassen einteile. Als Beispiel erhalte ich aus den letzten drei Jahren, dass es 249 Tage gab, die eine mittlere Temperatur zwischen 15°C und 20°C hatten. Den gleichen Schritt machen wir dann noch für die Tage, an denen ich Migräne hatte. Dann folgt daraus, dass ich an Tagen in der gleichen Temperaturklasse – also zwischen 15°C und 20°C – 40 Tage Migräne hatte.

In diesem Fall ist die Größe der Klassen für Temperatur jeweils in 5°C Schritten aufgeteilt. Es macht für die Daten keinen großen Unterschied, ob 2°C oder 6°C Schritte verwendet werden, außer, dass die resultierenden Werte entweder leicht oder stärker geglättet sind. Die wichtigen Stellen sind jedoch in jeder Einteilung an den gleichen Position und gleich markant.

Leider bringen mich diese zwei Werte in dieser Form noch nicht weiter, da ich ja eh nur an 146 von 994 Tagen Migräne habe. Darum müssen die Werte noch normalisiert werden, in dem man die Werte in den einzelnen Temperaturboxen durch die Anzahl aller Werte teilt. Als Ergebnis hat man dann eine Wahrscheinlichkeit. Daraus ergibt sich für Tage, wieder mit einer Temperatur zwischen 15°C und 20°C, dass diese eine Wahrscheinlichkeit von 25% unter allen Tagen und 27% unter den Migränetage haben. Das liegt schon sehr nah beieinander.

Es geht noch übersichtlicher! Wenn wir die Wahrscheinlichkeit für Migränetage durch die Wahrscheinlichkeit aller Tage mit jeweils der gleichen Temperaturklasse teilen und 1 abziehen, dann erhalten wir einen Wert, der die über- oder unterdurchschnittliche Anzahl von Migränetagen pro Temperaturklasse beschreibt.

Bis jetzt hängen diese Werte noch von der Breite und Startposition der Temperaturklassen ab, da wir für eine Statistik sehr wenige Vorkommnisse betrachten. Um den Wert zu glätten Wackeln wir noch an der Startposition und der Breite und nehmen diese Werte als Zwischenwerte in die Abbildung mit auf, so ergibt sich ein vollständigeres Bild – ohne Abhängigkeiten von den zwei Hyperparametern.

Dann kommen wir mal zu den Bildern. Die nächsten zwei Bilder zeigen meine Temperatur- und Luftdruckempfindlichkeit. Links jeweils der Absolutwert und recht jeweils die Änderung zum Vortag.

img

Im Bezug auf die Temperatur gibt es eine, sehr deutliche Ausprägung in den Daten. Bei hohen Durchschnittstemperaturen über 20°C gibt es eine deutliche Erhöhung von Migränetagen von über 60%. Die auf einigen Webseiten prognostizierte Sensitivität, bei stark ansteigenden Temperaturen, ist nicht aus meinen Daten herauszulesen. Da die Frage bei der näcgsten Grafik eh aufkommen wird: Tage mit einer Durchschnittstemperatur von über 20°C treten mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 12% auf.

img

Beim Luftdruck ist die Abhängigkeit komplexer, da zu der erhöhten Sensitivität bei sehr hohen Luftdrücken, eine reduzierte Sensitivität bei schnell steigenden Drücken hinzukommt. Jetzt ist es wichtig, in welchem Druckbereich diese starken Druckschwankungen stattfinden. Bei der Analyse, aus welchem Absolutdruckbereich die sehr tiefen Werte in der Druckänderung kommt, fällt auf, dass diese ausnahmslos aus dem Druckbereich zwischen 1000 hPa und 1015 hPa kommen und nicht im Bereich über 1030 hPa, mit erhöhter Sensitivität, entspringen. Die Interpretation dieser Daten ist nicht einfach. Aus diesen Daten an den Rändern will ich nicht zu viel herauslesen. Da Tage mit so hohen Drücken und so starken Änderung sehr sehr selten sind (<4% aller Tage) ist die Statistik gerade in diesem Bereich wahrscheinlich nicht aussagekräftig und wird durch Einzelevents bestimmt.

Zusammengefasst: Eine erhöhten Migräneanfälligkeit bei heißen Tage würde ich mich anhand der Daten anschließen, alle anderen Abhängigkeiten sind entweder Statistisch nicht signifikant oder einfach zu schwach.

Prophylaxe

Da es so viele unterschiedliche Arten und Ausprägungen von Migräne oder Kopfschmerzen gibt, ist auch die Anzahl an prophylaktischen Maßnahmen riesig. Starke Migräniker können eine durchgängige medikamentöse Therapie mit Beatblockern und Antiepileptika haben, während andere nur symptomatisch mal ne Aspirin einwerfen. Es gibt aber noch mehr!

Magnesium

Wer suchet, der findet. Einige schmerz­­geplagte Menschen werden sich an jeden Strohhalm klammern. Bei Migräne ist es nicht anders. Und dieses Leid wird von wirklich jedem und allem ausgenutzt werden. Zum Beispiel war ich auf der Suche zur Migräneprävention; was kann ich machen, dass die sich Anzahl der Migränetage verringert? Bei der Suche bin ich über einen Blogeintrag vom »Deutschen Gesundheitsfachkreis« gestolpert. Bitte nicht danach googlen, das ist einfach ein Werbeportal für allerlei Gesundheitskram, dem man wirklich keine weitere Aufmerksamkeit schenken sollte. Es hat etwas gedauert, bis ich ganz klein in einer Ecke geschrieben das Wort »advertorial« gelesen habe, also Werbung in Form eines seriös erscheinenden Artikels. Im Prinzip war die Info gar nicht so falsch und schlecht. Die erste Hälfte las sich wirklich, wie ein ernstgemeinter Erfahrungsbericht über Migräne. Dann kam aber immer häufig er die Aufforderung, dass man doch nur den Testsieger unter den Nahrungsergänzungsmitteln von XYZ nehmen sollte. Nur der hat die richtige Zusammensetzung. Das nur als Hinweis: checkt die Informationen, die ihr im Internet findet! Lest euch am besten auch die wissenschaftlichen Studien durch. Denn auch wenn die Zusammenfassung durch andere ein evidentes Ergebnis für euch darstellen mag, kann die entscheidende Einschränkung oder Information in der Verkürzung weggefallen sein.

Ich mache den Fehler der Verkürzung jetzt trotzdem und zitiere einfach mal die Zusammenfassung einer Kohortenstudie zum Thema Magnesium:

Magnesium hat eine etabliertere Rolle in der Behandlung von Migräne. Obwohl eine systematische Überprüfung aus dem Jahr 2019 unzureichende Beweise für die Wirksamkeit von Magnesium in Kombination mit Coenzym Q10 (Vitamin B) zur Migräneprophylaxe fand, fand eine spätere systematische Überprüfung der Überprüfungen aus dem Jahr 2020 Unterstützung für dessen Effekte bei der Reduzierung der Intensität/Häufigkeit von Migräne. … Experten wurden nach ihren Top 3 neuropathischen Therapien für Migräne gefragt. Coenzym Q10 (Vitamin B) erhielt die meisten Empfehlungen (10 Stimmen), gefolgt von Magnesium (3 Stimmen).

Dann kommt hier noch die Diskussionen aus der Studie im Canadian Journal of Neurological Sciences:

Im Vergleich zu Placebo wurde festgestellt, dass Magnesium statistisch signifikant mit einer Reduzierung der Tage mit Migräne bei Erwachsenen assoziiert ist, allerdings mit deutlicher, unerklärter Heterogenität. Es gab nur jeweils eine Studie zu Vitamin B2 und Coenzym Q10; nur die erstere wurde als statistisch signifikant assoziiert mit einer Reduzierung der Tage mit Migräne gefunden, während die letztere eine nicht statistisch signifikante Assoziation zeigte.

Und die diese hier vom European Journal of Nutrition, leider hinter einer Paywall:

… berichteten wir, dass Magnesium-Supplementierung in der Lage war, Migränerückfälle bei Personen, die bereits von dieser Bedingung betroffen sind, zu verringern…. Es wird berichtet, dass Magnesium die Wellen der Gehirnsignalisierung verhindern könnte, die die visuellen und sensorischen Veränderungen produzieren, welche die gängigen Formen der Aura bei Migräne sind. Andere Arbeiten berichteten, dass Magnesium die Freisetzung von Schmerz übertragenden Chemikalien im Gehirn, wie Substanz Phosphor und Glutamat, verringern kann. Schließlich könnte Magnesium auch die Verengung der Gehirnblutgefäße verhindern, die durch den Neurotransmitter Serotonin verursacht wird.

Man kann festhalten: Magnesium kann helfen, muss aber nicht! Seit ich Magnesium ergänze, hat sich gefühlt die Anzahl der Attacken reduziert.

Wichtig ist, welche Studien man liest. Viele Studien zum Thema Migräne und Magnesium beschränken sich auf eine spezielle Form der vestibulären Migräne, also Migräne mit verschiedenen Formen des Schwindels.

In den Studien wird nicht nur die Wirkung von Magnesium untersucht, sondern auch von Vitamin B2 und Coenzym Q10. Daher ist für die erste Woche dieses Themenmonats die Aufgabe geklärt. Selbstversuch mit zusätzlicher B2 und Q10 Einnahme.

Für den Anfang habe ich mit ein Kombipräparat gekauft. Wenn man in der Apotheke nach Magnesium, B2 und Q10 fragt, wird man genau dieses empfohlen bekommen. Dieses enthält nicht nur die drei Bestandteile, sondern auch eine ganze Menge mehr. Zu den weiteren Bestandteilen werde ich aber keine weitere Recherche durchführen.

Eine Packung mit 90 Kapseln, also für nicht mal 23 Tage, kostet 31,00€. Meine erste Idee ist zunächst, die Tagesdosis zu halbieren, dann hält die Packung eineinhalb Monate. Somit kostet das Produkt, ca. 20€ pro Monat.

Inhaltsstoff Tagesdosis Produkt Empfehlung
Magnesium 600 mg 350 mg (Männer)
Riboflavin = B2 400 mg 1,5 mg
Coenzym Q10 150 mg 30 mg

Der Vergleich der Produktzusammensetzung mit den Empfehlungen sagt schon einiges aus. Ich werde nur noch eine Kapsel pro Tag zu mir nehmen und Magnesium ergänzen. Wenn die Packung leer ist, kaufe ich die Inhaltsstoffe einzeln in den richtigen Dosen.

(Ausdauer)sport

Zusätzlich zu Nahrungsergänzungsmitteln, wie Magnesium, wird sehr oft auch Ausdauersport als Prophylaxe vor Migräne empfohlen. Um dieses Thema mal zu beleuchten, schauen wir und zwei n zwei Studien zur Behandlung chronischer Migräne an, die nichtmedikamentösen Therapien mit medikamentösen vergleichen.

Eine brasilianische Studie aus dem Jahr 2014 verglich die Wirkung von Amitriptylin, einem Antidepressivum, sowohl in Alleintherapie als auch in Kombination mit einem moderaten aeroben Sportprogramm. Trotz einer niedrigeren Amitriptylindosis (25 mg täglich) zeigte sich, dass die Kombination aus Medikation und Sport nicht nur die Migränehäufigkeit und den Medikamentenübergebrauch signifikant stärker reduzierte als die alleinige Medikamenteneinnahme, sondern auch einer durch Amitriptylin bedingten Gewichtszunahme entgegenwirkte. Genau gesagt, reduzierte die Medikamentengabe allein die durchschnittliche Anzahl der Migränetage pro Monat von 25 auf 13, während Medikament plus Sport diese Anzahl von 25 auf 5 Tage pro Monat reduzierte.

2011 kam aus Schweden eine Studie mit einem anderen Schwerpunkt. Hier wurde Ausdauersport mit Entspannungstraining und der medikamentösen Therapie mit Topiramat verglichen. Die Dosis von Topiramat wurde individuell angepasst, während das Sportprogramm ähnlich strukturiert war wie in der brasilianischen Studie. Nach drei Monaten zeigte sich in allen drei Gruppen eine vergleichbare Reduktion der Migräneattacken um etwa 25%, wobei unerwünschte Ereignisse hauptsächlich in der Topiramat-Gruppe auftraten.

Jedoch führt intensives Training oder Kraftübungen zur Produktion von Laktat. Der Körperwechselt dabei vom aeroben in den anaeroben Stoffwechsel. Untersuchungen haben einen erhöhten Laktatspiegel im Gehirn mit einer Zunahme der Migränefrequenz in Verbindung gebracht. Zudem wurde ein gestörter Energiestoffwechsel bei Migränepatienten festgestellt. Diese Kombination könnte Migränepatienten nach dem Sport anfälliger für Attacken machen.

Außerdem ruft intensives Training einem Anstieg des Herzzeitvolumens und des systolischen Blutdrucks hervor. Dadurch könnten sportbedingte Migräneattacken auslöst werden. Studien zeigen, dass der Einsatz von Betablockern, welche Herzzeitvolumen und Blutdruck senken, sportbedingte Migräneattacken verhindern kann.

Zusammengefasst kann Ausdauersport nicht nur eine wirksame Ergänzung zu traditionellen medikamentösen Therapien sein, sondern bieten auch Vorteile wie die Vermeidung von Gewichtszunahme und eine geringere Abhängigkeit von Schmerzmitteln bieten. Sport sowohl alleine oder auch als auch in Kombination mit verschiedener Therapieansätze hilft. Jedoch muss nicht jede Form des Sports einen positiven Effekt auf den Verlauf der Migräne haben. Sehr intensives Training und Kraftsport könnten dem positiven Effekt entgegenwirken.

Was bedeutet das jetzt für mich? Ich bewege mich sehr viel:

  • Gehen – Täglich 10.000 Schritte im Durchschnitt.
  • Moderte Bewegung mit dem Fahrrad – ca. 80 km pro Woche.
  • Wöchentlich mehrfach Joggen – ca. 1,5 h bis 2 h pro Woche mit etwa 20 km Distanz.
  • Wöchentlich mehrfach Bouldern – Eher Kraftsport

Von sehr leichter Bewegung bis hin zu sehr intensivem Training ist alles dabei. Den Vergleich, wie es ohne Sport aussehen würde werde ich aber nicht antreten. Da in meinem Migränetagebuch oft steht, dass Sport die Schmerzen reduziert hat – oder sie mich hat vergessen lassen – sehe ich bei mir deutlich den positiven Einfluss.

Entspannung, Autogenes Training und Biofeedback

Auch werden Entspannungsübungen zur begleitenden Behandlung von Migräne empfohlen. Dabei sind vor allem diese drei Methoden; Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training und Biofeedback. Hier mal eine kurze Zusammenfassung.

Die Technik der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobsen (PMR) basiert auf dem systematischen Anspannen und anschließenden Entspannen verschiedener Muskelgruppen. Durch bewusste Wahrnehmung der Entspannung soll eine tiefere körperliche Ruhe erreichbar sein.

Beim Biofeedback (BFB) werden Messgeräte verwendet, um körperliche Prozesse wie Herzrate, Blutdruck oder Muskelspannung zu überwachen. Durch Feedback in Echtzeit lernt man, diese Körperfunktionen zu kontrollieren. Dabei werden verschiedene Feedbackmechanismen verwendet, Temperatur-, Hautleitwert- und Vasokonstriktions-Biofeedback. Dabei wird Vasokonstriktionstraining von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfohlen. Handwärmungstraining war wohl mal in den Leitlinien enthalten, jetzt ist davon nichts mehr zu finden. In Metastudien wird die Effizienz von BFB beschrieben.

Ich würde gerne mal alles davon ausprobieren. Biofeedback wird für mich wohl eher die letzte Wahl sein, da die Geräte einfach viel Geld kosten. Das Gerät zur Vasokonstriktionsmessung kostet ca. 500€ und wäre eh nicht lieferbar; für die Handtemperatur sind es immer noch 100€ Anschaffungskosten. Darum wird es wohl in einer Mischung aus PMR und AT münden. Ich schaue mal, was die Zukunft so bringt.