30. Mai 2026
Tags: Klima, Gesundheit, Faktencheck, Wissenschaft
Lesezeit: 15 Minuten

Ein Klassiker bei den »Klimawandelkritikern«. Um direkt mit offenen Karten zu spielen: das was in dieser Studie »belegt« wird, wirkt auf mich methodisch schwach und politisch motiviert. Es geht um einen Artikel der Seite tkp.at, der einen Konferenzbeitrag (Poster) als Anlass nimmt, massive gesundheitliche Gefahren von Windkraftanlagen durch Infraschall zu behaupten. In diesem Artikel prüfe ich, ob die gezeigte Daten die behaupteten Schlussfolgerungen tragen.
Ich möchte hier nicht den allwissenden Gutachter spielen. Erstens bin ich auch nur ein Mensch und mache Fehler und zweitens bin ich selbst kein Fachmann im Bereich Epidemiologie; ich kann nur logisch die dargelegten Argumente nachvollziehen und mögliche Schwächen aufzeigen.
Meine Kritik an dem Poster wie auch an der Internetseite: Die verwendeten Daten zeigen keine Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Infraschall durch Windkraftanlagen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Unterschiede können allein durch die Altersstruktur der verglichenen Städte/Gemeinden erklärt werden.
Nach Wikipedia ist Wissenschaftsleugnung die „systematische Zurückweisung empirischer Belege, um unerwünschte Tatsachen oder Schlussfolgerungen zu umgehen.“ Um diese Leugnung zu charakterisieren werden fünf verschiedene Elemente beschrieben, die im Deutschen mit PLURV abgekürzt werden:
Von Wissenschaftsleugnung spricht man, wenn mehrere oder alle Elemente miteinander abgestimmt verwendet werden. Ich werde die einzelnen Elemente nicht für euch abhaken und diese Struktur nicht als starre Checkliste anwenden. Ich zeige euch die PLURV-Elemente als Lupe: Welche Warnsignale sollte man beachten und wie funktioniert die medialen Verbreitung? Welche red flags werden sichtbar, wenn man hinter jeder Aussage die PLURV-Logik durchgeht.
Ihr werdet bei der Beschreibung schnell ein ähnliches Störgefühl bekommen wie ich. Dann ist es egal, ob es nun der Pseudoexperte ist oder der logische Trugschluss ist. Die Hauptsache ist, dass ihr den Fühler für dieses Störgefühl trainiert!
Das Poster ist recht einfach aufgebaut mit folgenden Kapiteln: Hintergrund, Methoden, Ergebnisse und Schlussfolgerung. Es werden drei Grafiken bzw. Abbildungen gezeigt. Das wirkt jetzt erstmal recht normal. Interessant wird es, wenn man sich anschaut, was nicht gezeigt wird:
In dieser Aufzählung ist das Fehlen von Zitaten ein eindeutiges Warnsignal, die weiteren Punkte sind nur auffällig und können auch durch z.B: Bequemlichkeit oder Sorglosigkeit hervorgerufen werden. Die Beziehung zur Universität Mainz ist zumindest erklärungsbedürftig.
Das Kernstück dieser Studie ist das Herausarbeiten der Gleichheit der vier betrachteten Städte/Gemeinden Hövelhof, Lichtenau, Borchen und Delbrück. Und das wurde in „aufwendiger systematischer soziogeographischer Analyse“ durchgeführt. Dabei sollen folgende Bedingungen gefordert worden sein:
Ich kann und werde diese Punkte nicht vollständig für vier Städte nachvollziehen können. Ich beschränke mich darum ausschließlich auf die gezeigten Daten der Bevölkerungszusammensetzung (letzte Abbildung) und deren Implikation. Diese Daten scheinen dem Autor ja besonders wichtig zu sein, sonst hätte er genau diesen Daten nicht 14% der informativen Fläche (also ohne Titel und Logos) gegeben. Das entspricht etwa der Fläche der Abbildung der geografischen Lage der vier Städte mit Windrädern und ist 50% mehr Fläche als die Abbildung der Entwicklung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist also schon mal ein Statement.
Auf den ersten Blick sieht die Demografie der vier Städte wirklich sehr ähnlich aus. Da scheint ja die Bedingung der „vergleichbaren Altersstruktur“ erfüllt zu sein. Das Balkendiagramm sieht für die 10 Altersklassen ja wirklich vergleichbar aus. Es gibt aber auch hier wieder Indikatoren, dass die Grafik irreführend ist.
Meine schnelle Recherche zu Hövelhof, Lichtenau, Borchen und Delbrück zeigen eine ähnliche Ausprägung der Demographie, nur besser aufgelöst für die über 35-Jährigen .
Abbildung 1: Die Bevölkerungsanteile werden für jede Stadt/Gemeinde in Altersklassen eingeteilt. Das gezeigte Balkendiagram hat eine ähnliche Verteilung, wie das Diagramm auf dem diskutierten Poster.
Was beim Vergleich der Posterdaten und der den besser aufgelösten Daten auffällt ist, dass gerade im Bereich zwischen 40 und 60 eine Trendwende stattfindet. Am Beispiel Lichtenau wird klar, dass dort verhältnismäßig wenige 45- bis 54-jährige und viele 55- bis 64-jährige Einwohner leben. Fasst man diese Alterskohorte zusammen, fällt der Unterschied in den Altersgruppen natürlich nicht mehr auf.
Das sind die kleinen, aber feinen Unterschiede, die eine riesige Wirkung haben können. Für die Bevölkerungsstruktur können wir schon mal festhalten, dass sie wirklich schon sehr ähnlich aussehen, aber dennoch in entscheidenden Altersklassen Unterschiede bestehen.
Da diese Auflösung - oder besser das Zusammenfassen - der Altersklassen im nächsten Kapitel wichtig wird, will ich diese Aussage am Konkreten Fall aufzeigen. Dazu schaue fasse ich die drei Altersklassen zwischen 35 und 64 Jahren einfach zu einer zusammen.
Abbildung 2: Durch die Zusammenfassung von Altersklassen. werden Abweichungen weniger offensichtlich.
Die Abbildung zeigt sehr eindeutig, dass sich die Schwankungen, vor allem für Lichtenau, durch das Zusammenfassen an den Durchschnitt der anderen Städte/Gemeinden angleichen. Wenn der Effekt, auf den dieses Poster abzielt, für alle Altersklassen gleich wäre, dann kann man das so auch ohne Probleme machen. Jedoch gilt dies nicht für die Prävalenz von Herz-Kreislauferkrankungen.
Bei der Betrachtung der Studien über Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz gibt es eine ganz klare Altersabhängigkeit. Diese können aus vielen Studien (s.u.) herausgelesen werden.
Die Daten der verschiedenen Veröffentlichungen sind natürlich nicht nach einer einheitlichen Altersklassenstruktur erstellt; jeder Autor sortiert die Altersklassen nach seinen Erkenntnissen. Diese Tabelle soll den Versuch wagen, die den Zusammenhang zwischen verschiedenen Altersklassen, der Prävalenz für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern aus den unten zitierten Publikationen zusammenzufassen.
Für die Herzinsuffizienz ergibt sich folgende Tabelle:
| Altersklasse | Prävalenz | Referenz |
|---|---|---|
| 25–49 Jahre | 1,36% | Ceia et al. (EPICA) |
| 45–54 Jahre | 0,7% – 1,3% ⁓ 1% | van Riet et al. |
| 50–59 Jahre | 2,93% | Ceia et al. (EPICA) |
| 60–69 Jahre | 7,63% | Ceia et al. (EPICA) |
| 70–79 Jahre | 12,67% | Ceia et al. (EPICA) |
| 70–80 Jahre | 17,6% – 24,5% ⁓ 21% | van Riet et al. |
| 80+ Jahre | 16,14% | Ceia et al. (EPICA) |
Für das Vorhofflimmern ergibt sich folgende Tabelle:
| Altersklasse | Prävalenz Vorhofflimmern | Referenz |
|---|---|---|
| < 49 Jahre | 0,12% – 0,16% ⁓ 0,14% | Zoni-Beriso et al. |
| 55–59 Jahre | 0,7% | Heeringa et al. |
| 60–64 Jahre | 1,7% | Heeringa et al. |
| 60–70 Jahre | 3,7% – 4,2% ⁓ 3,95% | Zoni-Beriso et al. |
| 65–69 Jahre | 4,0% | Heeringa et al. |
| 70–74 Jahre | 6,0% | Heeringa et al. |
| 75–79 Jahre | 9,0% | Heeringa et al. |
| 80–84 Jahre | 13,5% | Heeringa et al. |
| 80+ Jahre | 10% – 17% ⁓ 13,5% | Zoni-Beriso et al. |
| 85+ Jahre | 17,8% | Heeringa et al. |
Diese zwei Tabellen lassen sich auch gut grafisch darstellen. Um die Altersklasse der Paper auf meine Altersklassen zu mappen, habe ich eine Errorfunction an die Daten angefittet. Außer der Datenpunkte habe ich keine weiteren Einschränkungen verwendet. Die resultierenden Kurven spiegeln den Verlauf der beiden Datensätze auf den ersten Blick gut wieder:
Abbildung 3: Für die Altersklassen aus Bild 1 wird die jeweilige Prävalenz für Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen dargestellt. Die Kurven wurden mit der non-linear least-squares Funktion in MATLAB an die Datenpunkte angefittet.
Ich möchte euch nun erklären, wie man aus den zwei unterschiedlichen Datensätzen die statistische Erkrankungsrate bestimmt. Seit vorsichtig mit Statistik; man kann mit ihr extrem gut Schätzwerte berechnen oder bestimmen, ob ein Datensatz von »üblichen« Werten abweicht. Auf dem Poster werden jedoch offizielle Werte der Kassenärztlichen Vereinigung verwendet. Diese werden abweichen vom statistischen Wert. Wir können jedoch abschätzen, ist der Trend erwartbar oder passiert hier etwas Merkwürdiges.
Gehen wir das Vorgehen mit einem Beispiel für das Jahr 2024 durch:
Um den Effekt der zusammengefassten Altersklasse zu demonstrieren gehe ich ein weiteres Beispiel, diesmal für Lichtenau, mit euch durch. Da sich die Altersklassen nicht perfekt überschneiden, ist diese Beispiel nur illustrativ gemeint, es zeigt aber eindrücklich, welche Effekte diese Herangehensweise hat:
| Alter [Jahre] | 40 bis 60 | 40 bis 60 | 35 bis 44 | 45 bis 54 | 55 bis 64 |
|---|---|---|---|---|---|
| Bevölkerung | 1359 | 1359 | 574 | 654 | 924 |
| Bevölkerung | 27,2% | 27,2% | 11,5% | 13,1% | 18,5% |
| Prävalenz | 0,38% | 0,55% | 0,03% | 0,38% | 1,66% |
| Erkrankungen | 5,164 | 7,475 | 0,172 | 2,485 | 15,34 |
| Erkrankungen | 0,379% | 0,55% | 0,03% | 0,379% | 1,66% |
Es ist offensichtlich, dass die Auswahl der Größe der Altersklasse einen nicht unerheblichen Effekt hat. Die statisch berechnete relative Anzahl an Erkrankungen ist bei der feineren Altersabstufung ca. doppelt so hoch. Durch den überlinearen Zusammenhang, haben ältere Personen einen sehr großen Einfluss auf die Anzahl.
Also, wenn in einer Gemeinde weniger Senioren und mehr Menschen im mittleren Alter wohnen, sinkt die Wahrscheinlichkeit an Herzproblemen zu erkranken. Wie man das ausrechnet, habe ich euch an den zwei Beispielen gezeigt. Nun machen wir das für alle Altersklassen und die vier Städte/Gemeinden.
| Jahr 2024 | Delbrück | Hövelhof | Lichtenau | Borchen |
|---|---|---|---|---|
| Herzinsuffizienz | 4,48% | 4,64% | 4,61% | 4,66% |
| Herzrhythmusstörungen | 2,01% | 2,12% | 2,08% | 2,13% |
Die Tabelle gibt an, wie viele Menschen der jeweiligen Städte prozentual an den zwei betrachteten Herzproblemen leiden; hergeleitet aus den veröffentlichten Altersstrukturen und der zugehörigen Prävalenz.
Man kann eindeutig erkennen, dass für die G2-Städte Delbrück und Hövelhof niedrigere Erkrankungsrate zu erwarten sind als für die G1-Städte Lichtenau und Borchen. Wenn man noch genauer hinschaut kann man auch noch erkennen, dass
Für diese Analyse habe ich nur den Messpunkt bei 2024 verwendet.
Disclaimer: Meine Rechnung ist keine epidemiologische Analyse, sondern ein sanity check - ich bin kein Mediziner oder Epidemiologe. Wenn ich bereits nur durch die Altersstruktur einen ähnlichen Zusammenhang berechnen kann, dann ist die Behauptung eines kausalen Zusammenhangs zwischen Windkraft und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht belastbar.
Auch im Zubau von Windkraft unterscheiden sich die vier Gemeinden/Städte. Während in Delbrück und Hövelhof keine Windkraftanlagen zugebaut wurden, wird in Borchen und Lichtenau massiv ausgebaut.
| Anlagenanzahl im Jahr | Delbrück | Hövelhof | Lichtenau | Borchen |
|---|---|---|---|---|
| 2015 | 6 Anlagen | 0 Anlagen | Dreistelliger Megawatt-Bestand | 25 Anlagen |
| 2024 | 6 Anlagen | 0 Anlagen | Ca. 190 Anlagen | > 45 Anlagen |
Wenn man nun die Anzahl der Windkraftanlagen als Indikator für Herz-Kreislauf-Probleme verwenden möchte, dann sollte sich die Anzahl der Erkrankungen auch mit der Anzahl der Windkraftanlagen korrelieren. Für die beiden G1-Städte (bei denen der Posterautor einen negativen Einfluss von Windkraftanlagen vermutet) ist der Trend jedoch genau umgekehrt. Bei dem Zubau von Windkraft nimmt das Aufkommen von Herzproblemen ab.
Würden wir dieselbe Korrelationslogik anwenden wie die Autoren, dann müssten wir sogar zum gegenteiligen Schluss kommen, nämlich dass Windkraft gut gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten ist. Genau das zeigt, wie wenig belastbar diese Art der Argumentation ist.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen sind oft sehr ähnlich aufgebaut: erst kommt der Abstract, dann die Einleitung, dann die Methoden, dann die Messungen, dann die Zusammenfassung und dann der Ausblick.
Wichtig für diesen Abschnitt ist mir die Einleitung, denn diese hat eine Funktion. Sie soll den Kontext des behandelten Themas herstellen und dabei den aktuellen Forschungsstand und die Wissenslücke klar herausarbeiten. Am Ende der Einleitung steht die Fragestellung der Veröffentlichung.
Mein Problem hierbei: Es werden bei diesem Poster international renommierte Gegenpositionen nicht erwähnt. Anbei eine kurze Liste an Gegenstimmen, die ich in wenigen Minuten Internetrecherche gefunden habe.
Es kann passieren, dass man mal etwas übersieht. Es ist auch nie möglich über ein so dynamisches Thema wie den erneuerbaren Energien einen vollständigen Überblick zu wahren. Der Autor ist jedoch seit längerem unter Kritik. Diese wird bereits auf seinem Wikipedia Artikel beschrieben. Er kann die Kritik eigentlich nicht übersehen haben.
Da sind wir bereits am Ende dieses Blogartikels mit dem Thema der Verbreitung des Posters. Das Poster hält sich mit Dramatisierung und Panikmache noch sehr gut zurück. Das ändert sich mit dem zitierenden Blog auf tkp.at. Ich führe nur einige Zitate auf und ihr dürft selbst einschätzen, ob diese unter Panikmache fallen:
Das Poster zeigt keine belastbare Evidenz dafür, dass Windkraft-Infraschall Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht:
Was übrigbleibt ist rein spekulative Interpretation und sechs Stunden, die ich für die Analyse dieses Posters investiert habe.
Gerade deshalb sind solche Blogs problematisch: Auf den ersten Blick wirkt das Poster informativ und plausibel. Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich fehlende Quellen, nicht bestätigbare Annahmen und eine nicht belastbare Kausalinterpretation. Dazu schreibe ich diese Artikel, um euch aufzuklären und das Handwerkszeug zu geben solche Formen der Wissenschaftsleugnung besser zu erkennen.