03. August 2026
Tags: Klima, Faktencheck, Gesellschaft, Wissenschaft
Lesezeit: 8 Minuten

Das Thema Benzinpreise erhitzt die Gemüter. In verschiedenen Formaten, wird oft über die Preiszusammensetzung diskutiert:
Wollen wir aber mal vorne beginnen. Wie setzt sich der Benzinpreis (Diesel usw. lasse ich weg) zusammen?
Aus den verschiedenen Diskussionen ergeben sich mehrheitlich zwei Argumentationsstränge, auf die ich hier eingehen will.
Ich kann die Aufregung über die hohe Belastung durch die Energiesteuer gut nachvollziehen. Sie lag im Jahr 2025 bei 65,45 ct/l und macht damit den zweitgrößten Teil des Gesamtpreises aus.
Das Gesetz, welches die Energiesteuer regelt ist seit 2006 das EnergieStG und regelt alle Energiearten, egal ob fossil oder erneuerbar. Die dort definierten Preise werden in €/t angegeben. Wir rechnen direkt um in ct/kgCO2. Damit bewegen sich die Preise zwischen 13,806 ct/kgCO2 (LPG, 2026) und 28,09 ct/kgCO2 (Benzin,2026). Die Höhe ist nicht an den Ölpreis gekoppelt, sondern wird pro Liter Kraftstoff festgelegt. Somit soll nicht der Preis, sondern die Umweltwirkung wegen der Umwandlung von Kraftstoff in CO2 besteuert werden.
Ein Gesetz, welches die Steuern auf Mineralölprodukte, gibt es seit 1939 und ist nun seit 2006 nicht weiter geändert worden. Das ist der längste Zeitraum, ohne Veränderung, seit der Einführung.
Durch die Ökosteuer-Reform 1999 sollte die „Besteuerung des knappen Gutes Energie mit dem Ziel der Steigerung der Energieeffizienz“ auch zu einer „Verbreiterung der Basis für die Finanzierung der sozialen Sicherung“ verwendet werden. Nebenbei wurde auch eine Stromsteuer eingeführt.
Im Ergebnis werden die gesamten Einnahmen der Ökosteuern „zur Finanzierung der höheren Bundeszuschüsse an die Rentenversicherung verwendet“ (DIW). Dadurch sank der Rentenbeitragssatz um 1,2 Prozentpunkte und stiegen die Renten um 1,5 Prozent. Da Steuern nicht zweckgebunden sind, ist das Vorgehen das übliche „linke Tasche, rechte Tasche“ Prinzip. Wer also gegen die Energie-/Ökosteuer diskutiert, nimmt implizit höhere Rentenversicherungsbeiträge und niedrigere Renten in Kauf.
Wie hat sich denn die Höhe der Steuer entwickelt? Beim Blick auf die nominalen Zahlen, ist der Wert seit Einführung immer gestiegen. Jedoch hat sich seit 1939 die Kaufkraft verzehnfacht. Es macht also Sinn, auch mal die kaufkraftbereinigten Werte zu betrachten. Die Abbildung zeigt neben den nominalen Werten auch die kaufkraftbereinigten und normierten Werte. Das Jahr 2025 wurde auf 100% gesetzt, damit die Abweichung zu heute eindeutiger wird:
Natürlich kann man sich wegen der hohen Benzinpreise gerade sehr darüber aufregen, dennoch ist die Energiesteuer seit über 30 Jahren höher als jetzt. Also eigentlich kein Grund, gerade jetzt dagegen zu hetzen. Außerdem würde eine Abschaffung nur stärker die Sozialsysteme belasten, was meiner Meinung nach nicht diskussionswürdig ist.
Der Hauptzweck der Energiesteuer ist den Staatshaushalt zu finanzieren und den Energieverbrauch zu lenken.
Und jetzt kommt da noch die CO2-Steuer drauf! Das ist leider falsch, in Deutschland ist das was als »CO2-Steuer« bezeichnet wird, der Preis der Zertifikate aus dem Brennstoffemissionshandel. Also keine Steuer, keine Doppelbesteuerung.
Wie ergibt sich denn nun der Preisaufschlag dieser CO2-Zertifikate? Im BEHG wird der Preis für eine Tonne CO2 festgelegt:
Wie viel CO2 wird durch 1l Benzin erzeugt? Dazu kann man eine Modellsubstanz (Isooctan, C8H18) verwenden.
2 C8H18 + 25 O2 → 16 CO2 + 18 H2O
Das gilt bei perfekten Bedingungen mit ausgeklammerter Stickstoff- und Kohlenstoffkinetik. Aus einem Mol Isooctan werden acht Mol CO2.
Die molaren Massen sind: M(C8H18) = 114,2 g/mol, M(CO2) = 44,01 g/mol. Die Dichte von Isooctan ist 0,69 kg/l. Damit folgt, dass pro Liter Isooctan 2,13 kg CO2 entstehen.
»Echtes« Benzin besteht aber aus variablen Anteilen von Iso-Alkane, Aromaten, n-Alkane, Olefine, Cycloalkane, Ethanol und Additiven. Dabei hat es einen durchschnittlichen C-Massenanteil von etwa 86%. Daraus kann man dann die Emission von 2,36 kg CO2 pro Liter Benzin berechnen.
Gerechnet jedoch mit 2,394 kg CO2/l (offizieller Emissionsfaktor nach BEHG/UBA und festgelegter Dichte von Benzin von 0,755 kg/l). Der Preis (2025) errechnet sich damit zu:
2,394 kgCO2/l * 5,5 ct/kgCO2 = 13,17 ct/l + MwSt. = 15,7 ct/l.
Die »CO2-Steuer« ist keine Steuer, sondern der Preis für CO2-Zertifikate und dient dazu die Klimaziele zu erreichen und die Energieeffizienz zu verbessern.
Jetzt kommt aber die Doppelbesteuerung. Die Mehrwertsteuer wird auf die Energiesteuer aufgeschlagen. Begründet wird das damit, dass nicht der Warenwert besteuert wird, sondern das Produkt Benzin, und dieses Produkt enthält die Energiesteuer.
§10 Abs. 1 UstG: „Entgelt ist alles, was den Wert der Gegenleistung bildet, die der leistende Unternehmer vom Leistungsempfänger oder von einem anderen als dem Leistungsempfänger für die Leistung erhält oder erhalten soll, einschließlich der unmittelbar mit dem Preis dieser Umsätze zusammenhängenden Subventionen, jedoch abzüglich der für diese Leistung gesetzlich geschuldeten Umsatzsteuer.“
Umformuliert und vereinfacht für Laien wie mich: Alles was nicht Umsatzsteuer/Mehrwertsteuer ist, wird besteuert.
Der Preis für einen Liter Benzin ergibt sich also zu:
(EK Benzin + CO2-Zertifikate + Energiesteuer + Marge) × 1,19
Die Benzinpreise variieren über alle Länder der EU. Die folgende Tabelle zeigt erstmal unkommentiert diese Preise für den 27.07.2026. Deutschland und der jeweils teuerste und günstigste Preis ist in fett markiert.
Es kommt hier auch nicht auf den letzten Cent an. Wenn ihr am 02.08. für 2,12 €/l getankt habt, schön für euch, wenn ihr für 2,25 €/l getankt habt, Pech gehabt! Es ändert dennoch nichts an der Argumentation.
| Land | €/l |
|---|---|
| Belgien | 1,89 |
| Bulgarien | 1,52 |
| Dänemark | 2,49 |
| Deutschland | 2,19 |
| Estland | 1,81 |
| Finnland | 2,18 |
| Frankreich | 2,06 |
| Griechenland | 2,02 |
| Irland | 1,76 |
| Italien | 1,96 |
| Kroatien | 1,62 |
| Lettland | 1,89 |
| Litauen | 1,79 |
| Luxemburg | 1,71 |
| Malta | 1,34 |
| Niederlande | 2,39 |
| Österreich | 1,87 |
| Polen | 1,72 |
| Portugal | 1,99 |
| Rumänien | 1,77 |
| Schweden | 1,46 |
| Slowakei | 1,77 |
| Slowenien | 1,63 |
| Spanien | 1,65 |
| Tschechien | 1,75 |
| Ungarn | 1,66 |
| Zypern | 1,52 |
Für mich ergibt sich da schon die Frage, warum in Luxemburg und Polen (dort wird gerne von Deutschen getankt ) sowie Malta und Dänemark (günstigster und teuerster Preis), der Liter Benzin so unterschiedlich bepreist wird. Um das zu verstehen, schauen wir uns die EU Vorgaben und die Preisbildung in beiden Ländern mal genauer an.
Die EU fordert eine Mindestbesteuerung von Energieprodukten. Diese gilt für bleifreies Benzin seit 1993 und wurde das letzte Mal 2004 geändert:
Jedes Land darf diese Werte nicht unterschreiten aber beliebig überschreiten. Wie oben schon gesehen, liegt der Wert der Energiesteuer in Deutschland bei 0,6545 €/l, also ca. 30 ct. darüber.
Ab 2028 wird EU-weit der ETS2 aktiv. Zu erwähnen sei, dass die EU-weite Einführung erst März 2026 von 2027 auf 2028 verschoben wurde. Das bedeutet, dass dann CO2 Zertifikate auch auf Kraftstoffe erworben werden müssen. Deutschland hat die Einführung bereits vorgezogen und es wird ab 2028 einen Handelspreis, anstatt eines festgelegten Preises gezahlt werden müssen. Da der Zertifikatpreis am Markt gebildet wird, kann der Preis ab 2028 nur geschätzt werden. Von BloombergNEF gibt es Schätzungen für des Zertifikatpreises:
Hinzu kommt immer auch die landeseigene Mehrwertsteuer.
In Luxemburg wird der maximale Benzinpreis durch Programmverträge zwischen Wirtschaftsministerium und dem Verband der Mineralölimporteure festgelegt. Es wird eine Obergrenze für die Bruttovertriebsmarge verhandelt, die alle Kosten von der Raffinerie bis zum Endverbraucher abdeckt.
Die Entwicklung der Benzinpreise wird über mehrere Tage vom Wirtschaftsministerium beobachtet. Wenn die Schwankungen eine festgelegte Schwelle über- oder unterschreitet, werden die Preise angepasst.
Es ergeben sich demnach ein gesamter Steuer/Abgabenteil von 0,5264 €/l. Im Gegensatz liegen die gesamten Steuern/Abgaben in Deutschland bei 0,7862 €/l, also ca. 26 ct. höher.
Die Mehrwertsteuer von 17% wird am Ende auf alles aufgeschlagen.
Da Luxemburg bereits eine CO2-Steuer erhebt kann es wegen einer Ausnahmeregelung bis 2030, den bereit geltenden Steuersatz unverändert lassen.
Auch in Polen werden verschiedene Maßnahmen angewandt, um den Benzinpreis zu steuern. Der größte Hebel liegt in Absprachen mit ORLEN, da Polen 49,9% der Aktien hält. Das Energieministerium kann die dessen Geschäftsführung quasi direkt anweisen, die Handelsmargen anzupassen ohne Verordnungen erlassen zu müssen.
Das Energieministerium bestimmt täglich die Preisobergrenze für Kraftstoffe. Diese orientieren sich am Durchschnitt der weltweiten Großhandelspreise.
Zusätzlich kann Das Energieministerium die Mehrwertsteuer und die Energiesteuer auf EU Mindestwerte schrittweise reduzieren.
Damit wird in Polen 42,094 ct./l an Abgaben und Steuern erhoben und dann die Mehrwertsteuer von 23% aufgeschlagen.
Polen erhebt zur Zeit keine CO2-Steuer und wird ab 2028 die Vorgaben der ETS2 Abgabe umsetzen müssen.
Malta kontrolliert den Warenwert durch einen Festpreis über den Anbieter Enemed durch Subventionen. Seit 2020 ist der Benzinpreis auf 1,34 €/l festgelegt.
Der Wettbewerb funktioniert in Dänemark schlecht. Die dänische Wettbewerbsbehörde stellte 2022 fest, dass Benzin- und Dieselpreise an Tankstellen landesweit weitgehend gleich sind und häufig gleichzeitig geändert werden.
Wer macht denn an den hohen Benzinpreisen den Profit? Grundsätzlich gibt es in diesem Spiel drei Parteien: den Staat, die Ölkonzerne und der Verbraucher. Wir haben ja bereits gesehen, dass der Verbraucher gerade deutlich mehr zahlt als »üblich«; den können wir schon mal aus der Rechnung herausnehmen. Bleiben also noch Zwei!
Dann fangen wir mit den »Hauptbeschuldigten« der Bild und Focus Zitate an: der Staat! Auf die Schnelle habe ich zwei Datensätze zur Entwicklung der Staatlichen Einnahmen der Energiesteuer gefunden [1,2] und in einer Abbildung dargestellt. Die Abbildung zeigt zusätzlich noch den privaten Verbrauch von Kraftstoffen. Es wird deutlich, dass seit 2019 die Einnahmen aus der Energiesteuer sinken, da der Verbrauch zurückgegangen ist. Da die Energiesteuer nicht am Preis, sondern durch die Benzinmenge berechnet wird, wird die temporäre Senkung der Energiesteuer für Mindereinnahmen von ca. 1,6 Mrd € sorgen.
Wir können also zusammenfassen, dass die Energiesteuereinnahmen der BRD seit Jahren sinken und sie 2026 durch die temporäre Steuersenkung auch nicht steigen, sondern eher weiter sinken wird. Der einzig variable Steueranteil bei Benzinkosten ist die Mehrwertsteuer auf den Benzin-Nettopreis. Beim ADAC kann man sich die Entwicklung der Benzinpreise der letzten zwölf Monate anschauen. Der Verbraucherpreis ist im Februar von ca. 1,70 €/l auf 2,20 €/l gestiegen.
Für die Preisentwicklung sind leider externe Faktoren entscheidend, so dass ich hier keine Prognose abgeben kann. Insgesamt wird der gestiegene Kraftstoffpreis zusammen mit der Reduktion der Energiesteuer eher zu Mindereinnahmen durch die gestiegenen Kraftstoffpreise führen, nicht wie Bild und Focus es behaupten.
Da bleiben noch die Ölkonzerne übrig. Ich habeda wenig zu sagen, die Zeit hat das alles schon gut beschrieben. Für alle, die kein Zeit-Abo haben, hier die Zusammenfassung. Die großen Ölkonzerne, Saudi Aramco, ExxonMobil, Shell, BP, Chevron, Total Energies, Eni, haben alle im ersten Halbjahr ihre Nettogewinne stark gesteigert. Die aufsummierten Gewinne dieser Konzerne stiegen von 88,2 Mrd. $ (2025) auf 138 Mrd. $ (2026) um 56%.
Nun wissen wir, wer sich hier die Taschen vollmacht!