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Null Relevanz

Null Relevanz

6. März 2025

Tags: Gesellschaft, Selbstentwicklung, Digitales
Lesezeit: 7 Minuten

Es gibt Zeiten, die in die Geschichte eingehen werden. Ich befürchte es ist wieder so weit, dass die Historiker der Zukunft über 2025 Bücherwände – oder das entsprechende Zukunftsäquivalent – füllen werden können. Ich will hier jetzt gar nicht über die Zusammenarbeit der CDU mit der AFD schreiben (das wird uns alle nach der Bundestagswahl noch lange genug beschäftigen); ich werde hier »nicht« über den großen, orangen Elefanten im Raum schreiben.

Und das ist wörtlich gemeint, der Artikel hier geht »nicht« über Donald Trump! Ab einem gewissen Level an Irrsinn, braucht das Gehirn einfach eine Pause. Ich habe richtig gemerkt, wie ich die gesamte Berichterstattung einfach in der Intensität nicht verpackt habe. Ich hatte immer schlechtere Laune und konnte mich quasi dauerhaft nur noch aufregen. Was hilft dann! Medienverzicht – zumindest beim Thema The Donald. Wir können eh nichts machen, und ich vertraue da auf unsere Historiker, die mir die jetzige Lage mit viel Expertise zusammenfassen werden. Also eigentlich geht der Artikel doch über den GröPaZ – aber eben in dieser speziellen Facette.

Informationen sammeln

Der klassische Start für grandiose und wohlüberlegte Berichte! Google Recherche: „Medienverzicht“, „Digital Detox“, „Medienfasten“. Google ist auch nicht mehr das, was es mal war. Die meisten Treffer sind einfach Mist. Die Lust auf eine Hintergrundrecherche der »Informationsanbieter« hält sich in Grenzen. Die jeweils ersten zwei Ergebnisseiten zeigen aber eher Angebote in »Ratgeberqualität«, die sich wie Erfahrungsberichte lesen:

  • Cold Turkey – Ein Mythos entlarvt
  • Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden
  • Die Smartphone Diät

Ich will diätieren und nicht merkwürdig aussehende Internetseiten mit viel Werbung ansehen. Widerspricht sich das nicht?

Der moderne Start für die grandiosesten und wohlüberlegtesten Berichte of all time! Chat GPT Recherche: „Mache bitte eine Internetrecherche über das Thema Digital Detox“. Um möglichst effektiv das Thema abzuhaken, lasse ich den Text nochmal mit einer düsteren Konnotation umschreiben und dann Text vorlesen.

Wir leben in einer Welt, die niemals schläft … Unser Gehirn, gejagt von Reizen, verliert seine Fähigkeit, Stille zu ertragen.

Ja, mein lieber digitaler Freund. Du hast Recht!

Aber wie bin ich jetzt von »the 47« auf Digital Detox gekommen? Stimmt! So schnellt hat einen die Medienwelt im Griff … nebenbei habe ich bei Wikipedia eine grandiose Liste mit Kosenamen für DT gefunden. Ich versuche alle hier in dieser Seite einzubauen. Man klickt sich halt durch. Zumindest hat der kleine Exkurs etwas Spaß gebracht!

Und jetzt kommt der Nerd Start für die wahrscheinlich richtigen aber auch schwierigsten Antworten! Google Scholar »selective media consumption«. Die ersten dreißig Ergebnisse gehen alle auf den politischen Bias ein, also welcher Mediankonsum welche Wahlentscheidung wahrscheinlicher macht. Zwei Beispiele will ich dazu geben.

Die Veröffentlichung How does selective exposure affect partisan polarisation? Media consumption on electoral campaigns von Vinuesa-Tejero zeigt beispielsweise, dass die konsumierten Fernseh- und Radiosender einen signifikanten Einfluss auf die Wahlentscheidung haben und die Polarisierung verstärken. Das ist erstmal nicht verwunderlich aber für meine Situation auch nicht hilfreich.

Von Makwana et al. wird in Navigating the Infodemic: Fostering Critical Media Literacy in the Digital Age to Combat Misinformation genauer auf Desinformation eingegangen. Auch hier ist die Schlussfolgerung, dass ein höherer Bildungsgrad mit einer besseren Medienkompetenz einhergeht, die wiederum hilft mit der »Infodemic« umzugehen. Aber auch diese Antwort passt nicht auf meine Frage.

Und hier habe ich was gelernt!

Meine Frage ist falsch

Ich mache nämlich kein Digital Detox und auch keinen »selektiven Medienkonsum«. Ich will einfach über einige Monate hinweg keine Infos über ein gewisses Thema bekommen. Und in diesem Themenkomplex wird die Datenlage sehr dünn – um genauer zu werden: quasi durchsichtig. Ich habe alleine und mit der Hilfe von ChatGPT eine Vielzahl von möglichen Suchbegriffen ausprobiert und wirklich nichts zu diesem Thema gefunden.

Wenn die direkte Möglichkeit nicht funktioniert muss man das Sichtfeld größer machen um ein Weg durch das Labyrinth zu finden. Daher ist die eigentliche Frage, die von mir zu beantworten ist, folgende: Was ist mir wichtig?

Was ist mir wichtig

Anhand der Größe der Balken, ist gut zu erkennen, was mir ungefähr wie wichtig ist. Man sieht aber schön: nirgendwo steht der Orange Utan. Er kommt zwar ein wenig bei der Lebensqualität mit ins Spiel, aber auch in diesem Punkt gibt es für mich viel wichtigere Faktoren. Beispielsweise Umwelt und Natur, Erholungsmöglichkeiten, Zukunftssicherheit, kulinarisches Angebot, kulturelles Angebot, Partizipation, Sicherheit … Um das etwas genauer zu beleuchten habe ich den Punkt »Lebensqualität« weiter aufgedröselt.

Hier kommt die Politik der USA nur in einem Punkten wirklich zum Tragen, in der Sicherheit. Aber auch dort sind viele andere kommunale, landesweite und bundesweite Faktoren erstmal viel entscheidender. Natürlich ist die globale Weltordnung wichtig bei Fragen, wie dem Ukrainekriege und der Migration, aber zuerst entscheidet Deutschland, wie es damit umgeht. Also lohnt doch zuerst der Blick ins Innere als ins Äußere.

Um meiner Wertung der Wichtigkeit etwas mehr Inhalt zu geben, versuche ich nun den prozentualen Anteil an Lebenszeit in diesen Kategorien darzulegen, denn hier zeigt sich das eigentliche Problem. Die nächste Abbildung zeigt ungefähr die Verteilung meiner »Werte« aufgetragen in % der Lebenszeit. Die genauen Prozentwerte sind nicht wichtig, die relativen Verhältnisse schon. Denn, das Ranking, welches ich oben aufgestellt habe, spiegelt sich rein gar nicht in diesem Verhältnis wider. Die tatsächliche Aufteilung genau spiegelverkehrt, Der Job spielt eine sehr große Rolle, während Soziales und Lebensqualität einen deutlich kleineren Teil der Lebenszeit ausmachen.

Lebenszeit

Summiert geben die Prozentwerte nicht 100%, da erstens der Schlaf nicht berücksichtigt wurde, man aber auch schon eine Menge an Verlustleitung aufbringen muss. Arbeitsweg, Wege zur Erholungsmöglichkeit, Krankheit, einfach mal faulenzen, ohne eine Agenda zu verfolgen, und vieles mehr. Wenn ich dies alles berücksichtigen könnte würde ich vielleicht die 100% treffen, aber für die Aussage, die ich gleich treffen will ist es nicht entscheidend.

In diesem jetzt eh schon falschen Verhältnis aus Wichtigkeit und Lebenszeit soll jetzt auch noch die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt werden, welches mich eigentlich gar nicht betrifft, weil ich eh nichts daran ändern kann. Die Wahlentscheidung der US-Amerikaner ist so weit außerhalb meines Einflusses, dass ich hier einfach nur hinnehmen kann. Jedoch habe ich durch Wahlen und politischer Partizipation hier, direkt vor Ort, Einfluss zu nehmen.

Jetzt nochmal ein kurzer Rückblick auf die Pyramide der wichtigen Themen. Mir war doch Soziales sehr wichtig. Nach dem Prinzip der Umgekehrten Pyramide, wird zuerst das Unwichtige entfernt. Ihr könnt nun bestimmt ahnen, was ich entferne (aus meinem Medienkonsum). Bevor ich Zeit in den Schaumschläger #1 der Welt investiere, mache ich das doch lieber im Sozialen und gehe öfters meine Mutter besuchen, versuche mich häufiger mit meinen Freunden zu treffen oder genieße einfach ungestörter das Zusammensein mit meiner Partnerin. Das alles kann man haben, wenn man nicht auf die Tricks von Donald Trump hineinfällt. Ein besseres, sozialeres, freundlicheres und partizipativeres Leben. Ganz ohne Lügen, Verschwörungen, Gewalt.

Das Gegenteil vom Gegenteil

Ich spreche mit Menschen. Einige Menschen denken, dass mein Vorgehen nicht richtig ist, da ich wichtige Entwicklungen auf der Welt nicht mitbekomme. Was passiert in der Ukraine. Was ist mit der deutschen Wirtschaft, nachdem Zölle eingeführt werden. Wie rekrutieren wir die nötigen 300.000 Soldaten für die eigenständige Verteidigung. Dem will ich entgegnen!

Ich lese Zeitungen und News im Internet, höre Podcasts. Zur Beurteilung, was ich lese, oder was ich nicht lesen will, muss ich zwangläufig die Überschrift lesen oder den Titel des Podcasts. Manchmal ist diese Information schon aussagekräftig genug, um einzuschätzen, ob das darin behandelte Thema wirklich wichtig für mich ist, oder ob es ruhig unter meine selbst auferlegte Nachrichtensperre fallen darf. Also, ich bekomme schon noch einiges mit. Meiner Meinung nach sollte das ausreichen, um eine mögliche schwerwiegende Situation, auf die ich wirklich reagieren muss, kommen zu sehen.

Ich schirme mich auch nicht von allen Nachrichten ab. Die Lag ein Europa und bei den Wahlen bekomme ich genauso, wenn nicht sogar fokussiert mit als »vorher«. Natürlich kommt dabei oft auch der, dessen Name ich nicht hören will, vor. Aber das ist soweit runtergebrochen auf das absolut wichtigste, das ich mich dadurch nicht in meiner Challenge beeinträchtigt fühle.

Die Quintessenz der Challenge – nachdem ich nun schon länger darüber nachdenke – ist nicht dem alltäglichen Wahn, der genüsslich in den Medien breitgetreten wird, zu verfallen:

  • „Diesen Rache-Moment plant Trump bei der Amtseinführung“
  • „Wer auf diese Mail nicht antwortet, wird gefeuert!“
  • „Kanada-Triumph frustriert Trump“

MASA

Die Entscheidung keine News mehr aus Amerika zu konsumieren ist keine Schlechte. Sie ist genau das Gegenteil. Es gibt so viele Stressoren im direkten Umfeld, so dass wir uns als Gesellschaft nicht diesem Zirkus der Panik hingeben müssen. Das Gute wie auch genügend Böses, um das es sich aufzuregen lohnt, ist direkt um einen herum. Dafür brauchen wir keinen Überseeclown!

MASA

Zum Ende mache ich den Bogen zum Anfang dieses Textes:

Wir leben in einer Welt, die niemals schläft

Ja, mein lieber digitaler Freund. Schlaf macht 1/3 unseres Lebens aus. Wir müssen also besonders auf ihn aufpassen. Mir geht es besser und ich schlafe ruhiger ohne diese düstere Kabarett-Stück, aus einem Land zwischen Atlantik und Pazifik.

Unser Gehirn, gejagt von Reizen, verliert seine Fähigkeit, Stille zu ertragen.

Du hast Recht! Leider ist dazu weit mehr notwendig, als selektiver Medienkonsum. Ich habe hoffentlich noch genügend Lebenszeit vor mir, um mich diesem großen Thema anzunehmen.