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Posthumanismus

Posthumanismus

7. Mai 2026

Tags: Gesellschaft, Digitales, Wissenschaft, Challenge
Lesezeit: 12 Minuten

Titelbild

Ich schaue gerne Dokumentationen auf Arte und 3Sat. Es gibt dort gute Dokumentationen. Manche sind so gut, dass man sich noch Monate später an viele Details erinnert. Von denen will ich aber hier gar nicht schreiben. Es gibt auch andere Dokus, die immer noch sehr interessant und gut anzuschauen sind, aber keinen so intensiven Eindruck hinterlassen. Und dann gibt es noch Dokus, bei denen ich nebenbei noch auf dem Handy secondscreene. Und genau eine solche hat mich zu dieser Challenge verleitet. Merkwürdig, aber das Gehirn tickt halt oft nicht rational.

Posthumanismus Lese-Challenge

Ich kann mich nicht mehr an das Thema erinnern; mir ist genau ein Detail im Kopf geblieben: Es wurde ein »Experte« interviewt und dessen Bauchbinde beschrieb ihn mit Posthumanist. Was er sagte – kein Plan. Es scheint irgendwie meine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Seitdem überlege und überlege ich, welche Dokumentation das gewesen sein könnte. Nix … und nun sitze ich trotzdem hier am Notebook und schreibe eine Blogserie über Posthumanismus – oder besser über die Frage: „Was ist Posthumanismus und warum ist er relevant?“

Ich muss ehrlich sein. In dieses Thema passt ein weiterer Blogpost, den ich schon seit langem plane und bereits strukturiert habe. Ich konnte mich nur nicht dazu aufraffen, ihn zu schreiben. Das wird sich im Laufe der nächsten zwölf Monate ändern.

Also: zwei Gründe für diese Challenge! Für eine Challenge braucht es Regeln und überhaupt ein Verständnis dafür, was die Konsequenzen sein können. Aus dem Nichts einfach etwas über Posthumanismus zu schreiben, würde von einer enormen Hybris zeugen, die womöglich gerade der Posthumanismus dem Menschen nicht mehr so richtig zusprechen will. Das tolle an unserer schönen, neuen, aufgeklärten Welt ist, dass es Bücher gibt, die von sehr viel intelligenteren Individuen als mir verfasst worden sind. Der Mensch nicht als einzelnes, gottgleiches Zentrum der »Welt« sondern eine Lebensform eingebettet in ein Netzwerk aus sozialen Beziehungen und materiellen Flüssen.

Doch wo fangen wir an? Mir fehlt jede Grundbildung in diesem Thema. Also fangen wir direkt mal an uns über die eigene Menschlichkeit hinauszurecken, und fragen die Maschine:

Es gibt keine exakte Gesamtzahl an Büchern über Posthumanismus, da es sich um ein interdisziplinäres und wachsendes Forschungsfeld handelt, das Philosophie, Kulturwissenschaften, Technikfolgenabschätzung und Literatur umfasst. Es existieren jedoch hunderte bis tausende von Publikationen, darunter akademische Standardwerke, Einführungen und Anthologien.

Hunderte bis tausende! Zu viel für mich als Menschen. Ich brauche also einen Kurator für die Werke, die ich im nächsten Jahr lesen kann und welche davon auch noch Sinn ergeben. Zuerst wollen wir ein paar Regeln für die Leseliste aufstellen:

  1. Nicht mehr als 250 Seiten pro Monat
  2. Es soll moderne Literatur zu dem Thema sein, welches auch die Klassiker beinhaltet
  3. Ich hoffe doch, dass es auch literarische Werke zu diesem Thema gibt
  4. Ich will die Reibungspunkte in diesem Themenfeld mitbekommen

Die Liste macht klar, dass eine einfache Google-Suche nicht ausreichen wird. Es würde mir wahrscheinlich eine sehr umfangreiche Liste mit Büchern ausgeben, die sehr durch die Verfügbarkeit bei großen Versandhändlern stark gebiased wäre.

Datafizierung eines humanen Problems

Nur welche Möglichkeiten gäbe es da? Hmm, welche Techniken können tausende Seiten an Text schnell lesen und eine grobe Einschätzung geben? Dabei fällt mir direkt eine Szene von Star Trek: The Next Generation ein, in der Data einige Bücher »liest«. Genau das brauche ich auch: eine Maschine, eine künstliche Intelligenz, die das für mich erledigt und dann sagt: „Diese Bücher solltest du lesen.“

Nur welche Möglichkeiten gäbe es da? Maschinen? Künstliche Intelligenz? Ja, künstliche Intelligenz! Darum habe ich den aktuellen Multiagenten-LMM-Scheiß auf dieses Problem geworfen – und zwar meinen Gemini Ultra und ChatGPT Plus Account. Leider habe ich kein API-Schlüssel für Claude, sonst wäre auch der in diese Aufgabe eingebunden worden😉.

Das Problem ist jedoch: wie bekomme ich mehrere LLMs an einen Tisch, um mein Lese-Problem zu lösen? Ich habe etwas Respekt vor OpenClaw, da ich mich damit nicht auskenne und nicht unbedingt wegen einer Fehlkonfiguration Flugtickets nach Longyearbyen auf Spitzbergen haben möchte.

In Longyearbyen liegt der nördlichste kommerzielle Flughafen der Welt. Aber aufpassen: Übliche Gefahren dort sind Frostbeulen, Eisbären und mächtige Kater, denn dort liegt erstens die nördlichste Brauerei der Welt und es hat eine Bardichte von 1/500 Bars pro Einwohner.

Ich verwende die konservative, sichere Variante mit Antigravity. Antigravity soll mir ein Tool schreiben, das diese Aufgabe löst. Es sagt mir, dass ich noch Python installieren muss (sorry, ich bin ein MATLAB-Typ). Es dauert in etwa drei Minuten, bis ich eine erste Version des Python-Skripts präsentiert bekomme. Funktioniert leider noch nicht, da ich mein Token-Guthaben bei OpenAI nicht aufgeladen habe und das falsche Gemini-Model ausgewählt habe. Es dauert noch drei Anläufe, bis das Skript wirklich anfängt zu arbeiten. Es laufen in der Konsole die Ausgaben der beiden LLMs durch.

Als zusätzliche Bedingungen habe ich angegeben, dass erstens Gemini den Visionär spielen soll, ChatGPT den Kritiker und zweitens, dass ich nach drei Runden gefragt werden will, ob die Lösung reicht und ein Konsens erreicht wurde. Wenn nicht, dann geht es weiter im gleichen Rhythmus.

Humanisierung einer digitalen Lösung

Ich lasse das Skript zwölf Runden laufen. Bis auf drei zusätzliche Essays haben die beiden wirklich ein Konsens erreicht. Für alle, die Lust auf diesen Dialog haben: Es ist sehr viel Text. Die vier üblichen Verdächtigen sind schon mal dabei: Braidotti, Hayles, Ferrando und Haraway. Es kann also nicht vollkommen daneben sein. Ob die Auswahl der Challenge nun gut, schlecht oder einfach nur langweilig sein wird, kann ich erst am Ende sagen.

Die Liste hat eine Struktur. Die Themen folgen einem Quartals-Schema:

  • Quartal 1: Grundlagen
  • Quartal 2: Jenseits des Menschen
  • Quartal 3: Materialismus
  • Quartal 4: Ethik
  • Zukunft und Abschluss

In jedem Quartal werde ich einen Post schreiben.

Das Rauschen in der Matrix

Was fällt euch auf?

Nichts fällt euch auf!

Ich wollte gerade die Bücher für die nächsten Monate bestellen. Da hat das Rauschen in den Matrixoperationen wohl zu krass entropisiert! Da hat das Siliziumgehirn wohl zu viele Elektronen getunnelt und das Gate gesättigt! Böses, böses Ding Du!

Auch wenn die Liste wirklich sinnvoll aussah, gibt es einige Werke in der ursprünglichen Fassung der Liste nicht. Bei einigen war der Titel leicht abgewandelt. So fand sich plötzlich ein „Cyborg Body“ im Titel, obwohl es „a Monstrous Body“ heißen müsste, es gab plötzlich ein Martin Bauer als Autor (den gibt es wirklich, aber nicht zu diesem Thema) obwohl es Susanne Bauer sein sollte. Selbst nachdem ich lange mit ChatGPT und Gemini geschrieben habe und immer darauf hingewiesen habe, dass die Werke auch verfügbar sein sollen, ist es passiert: die beiden haben wohl zu viel Temperatur im System gehabt und haben einfach mal 20% dazuerfunden. Selbst im Agentensystem, in dem sich beide gegenseitig zur Quellenprüfung ermahnten, blieben falsche Titel stehen. Ich verstehe es nicht.

Überall haben sie geschlampt. Naja egal. Ich habe nun alle Essays heruntergeladen – Uni-Account lässt grüßen und die ersten Bücher sind ja auch schon da. Trotzdem merkt man, dass KI-Systeme immer noch sehr anfällig sind und wirklich alle Antworten detailliert überprüft werden müssen.

Backpropagation in NNNs (natural neural networks)

Ich mache nicht den gleichen Fehler. Wenn die Maschinen halluzinieren, dann muss ich als »der Mensch« die Aufsicht behalten. Man nennt es auch Lernen. Auch Menschen lernen. Am besten multimodal.

Zwölf Monate nur lesen ist erstens langweilig und zweitens auch nicht mega effektiv. Darum werde ich diese Challenge um zwei wichtige Modalitäten aufbohren müssen: ich werde zusätzlich noch Übungen einbauen und zu jedem Monat noch ein Film, eine Serie oder einen Videobeitrag schauen. Vielleicht ergibt sich noch eine Museumsbesuch. Ich freu mich.

Auch jetzt schon muss ich mich fragen, was ich eigentlich lerne, bevor ich den ersten Blogpost fertig habe. Zur zeitlichen Einordnung: ich habe den Monat 0 schon hinter mir und lese gerade Pramod Nayar.

Lektion 1 ist eher lapidar und basiert allein auf meinen menschlichen Emotionen. Auf KI kann man sich nicht wirklich verlassen. Ich war zwischenzeitlich richtig sauer. Nur durch das Zusammenstellen dieser Leseliste habe ich einiges an Vertrauen in LLMs verloren. Und das ist gut so! Ich habe zu viel Verantwortung auf die Maschine geladen, obwohl ich von deren Fehlbarkeit wusste.

Lektion 2 zeigt aber auch, dass es sehr effektiv sein kann, mit Chatbots zu brainstormen. Ohne ChatGPT und Gemini wäre ich gar nicht erst auf ein solch komplexes Vorhaben gekommen. Kreativ sind diese Systeme.

Lektion 3 wiederum führt mir vor Augen, dass die Philosophie anders als die Naturwissenschaft tickt. Die drei bisher gelesenen Bücher lesen sich wie Meinungsäußerungen, nicht wie Wissenschaft. Sätze und Textaufbau klingen eher (ich sage es sehr freundlich) bewusst verkompliziert. Das passiert auch schnell, wenn Texte postulieren, ihre besonderen Merkmale zu transzendieren: Sie steigen dann so hoch ins Universelle auf, dass Verständlichkeit zum partikularen Restproblem des Allgemeinen wird. Aus meiner Fachrichtung bin ich eher gewohnt die Sache sehr klar und zackig zu beschreiben und auch einen Beweis oder Experiment anzufügen.

Lektion 4, ich habe noch einiges vor mir …

Ich muss … nein … ich entscheide mich

Warum lasse ich mich durch die statistische Auslegung von vektorisierten Worten leiten. Schon bei der Formulierung dieses Absatzes, merke ich wie schwer mir die Antwort auf diese Frage fällt. Noch schlimmer, was ist eigentlich die genaue Frage, die ich zu beantworten versuche?

Ich grüble …

Warum beeinflusst mich eine sonderbare Dokumentation, deren Titel ich noch nicht einmal mehr weiß, in der irgendein dahergelaufener Experte mit der Bauchbinde „Posthumanist“ vorkam, so stark, dass ich mehr als ein Jahr ein Thema bearbeiten will?

Nee …

Warum gerade Posthumanismus und nicht Klimawandel; noch so ein Aufregerthema?

Puhh …

Und jetzt kommt die Antwort. Sie ist vieldimensional. Es gibt keinen einzelnen Grund. Ich entscheide mich, diese Herausforderung anzunehmen, weil:

  • mir schreiben Freude macht,
  • das Thema deutlich umfangreicher ist, als ich zunächst erwartet habe und ich gerne in vielen Bereichen meine Neugier stille,
  • Posthumanismus nach dem ersten Monat Lesen spannend, vielschichtig, futuristisch, modern ist und unerwartet viele meiner Grundeinstellungen erklärt,
  • ich weniger Zeit am Display verbringen will und eine gute Ablenkung brauche,
  • mir eine gute Bildung wichtig ist,
  • ich noch den alten Entwurf eine Blogeintrags in der Schublade habe und der gut hier verwurstet werden kann,
  • der Umgang mit LLMs und Agentensystemen auf meiner Lernliste steht und ich hierfür mein erstes Multiagentensystem erstellt habe.

Es gibt also einige Bedürfnisse, die ich mit dieser Herausforderung stille.

Und das ist die Liste der nächsten zwölf Monate.

Nein! Ich konnte es nicht lassen und habe aus den zwälf Monaten 24 Module gemacht - eine Synthese aus Posthumanismus und Bewusstsein. Die Liste, die nun folgt hat mehrere Änderungen hinter sich!

Modul Aufgabe
0 Lesen:
Rosi Braidotti, Posthumanismus (Einleitung, Kap. 1 und 2)
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur
1 Lesen:
Pramod K. Nayar, Posthumanism
Posthumanes Selbstprotokoll: Schreibe an fünf Tagen je zehn Minuten auf, wodurch du überhaupt handlungsfähig wirst: Geräte, Infrastruktur, Sprache, Gewohnheiten, andere Menschen, Wetter, Nahrung, Schlaf. Ziel: das autonome »Ich« zerlegen.
Video: Rosi Braidotti – The Posthuman Condition
2 Lesen: Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel
Transparenz-Protokoll: Sammle fünf Momente, in denen dein Wahrnehmungsmodell selbst sichtbar wurde — Nachbild, hypnagoge Bilder beim Einschlafen, Phantomvibration des Handys, Autopilot beim Gehen, Verhören. Frage jeweils: Was war hier Welt, was war Modell?
Interferenz zu Nayar: Lege dein Selbstprotokoll aus Modul 1 daneben. Nayar zerlegt das Ich nach außen (Infrastruktur, Sprache, Geräte), Metzinger nach innen (Simulation). Notiere, ob am Schnittpunkt noch etwas übrig bleibt.
Aktion: Floating Tank
3 Lesen: N. Katherine Hayles, How We Became Posthuman (Einleitung, Kap. 1, 2 und 8)
Feedback-Loop-Tagebuch: Beobachte drei Rückkopplungsschleifen in deinem Alltag, etwa Smartphone–Aufmerksamkeit, Kalender–Verhalten, Fitnessdaten–Selbstbild. Zeichne jeweils Input, Verarbeitung, Output und Rückwirkung auf.
Video: N. Katherine Hayles – We need a more comprehensive view of cognition
4 Lesen: Anil Seth, Being You (Teil I, II und Kapitel zur Controlled Hallucination)
Innensinn: Protokolliere an fünf Tagen je zwei Minuten ausschließlich Körperinnenwahrnehmung — Herzschlag, Atem, Magen, Temperatur — und notiere direkt danach dein Stimmungsurteil. Welches kam zuerst?
Museum: Phänomenta Lüdenscheid
5 Lesen:
Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs
Susanne Bauer, Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven
Objektbiografie: Nimm Smartphone, Brille, Fahrrad, Kopfhörer oder Laptop und rekonstruiere, wie Körper, Technik, Normen, Infrastruktur und Macht darin zusammenlaufen.
Video: Donna Haraway – From Cyborgs to Companion Species
6 Lesen: Varela, Thompson und Rosch, The Embodied Mind (Kap. 1, 6, 9 und 11)
Handlungsschleife: Wähle drei Fertigkeiten, die du körperlich beherrschst — Radfahren, Tippen, Instrument, Kochen, Treppensteigen. Beschreibe jede explizit Schritt für Schritt und führe sie dann bewusst nach dieser Beschreibung aus. Notiere genau, wo die Explikation die Ausführung zerstört.
Hintergrundpraxis: An fünf Tagen je zehn Minuten stille Praxis, danach zwei Sätze Notiz. Varela verlangt genau das — die Erste-Person-Methode ist Teil des Arguments, nicht Beiwerk.
Video: Evan Thompson – Enaction and the Embodied Mind
7 Lesen:
Kazuo Ishiguro, Alles, was wir geben mussten
Sylvia Wynter, Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom
Grenzfall: Wähle eine Figur oder Situation, bei der unklar wird, was als »voll menschlich« gilt. Das kann aus Literatur, Film oder Alltag kommen. Notiere, welche Kriterien du anlegst und wo sie scheitern.
Film: Never Let Me Go
8 Lesen:
Thomas Nagel, Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?
David Chalmers, Facing Up to the Problem of Consciousness (1995)
David Chalmers, The Conscious Mind (Kap. 3 und 4)
Zombie-Test: Nimm fünf mentale Zustände — Schmerz, Rot-Sehen, Kaffeegeruch, Langeweile, Scham. Schreibe für jeden eine vollständige funktionale Beschreibung: Input, Verarbeitung, Verhaltensoutput. Markiere danach, was immer noch unerklärt ist.
Interferenz zu Ishiguro: Deine Grenzfall-Übung aus Modul 7 fragte, wer als voll menschlich gilt. Chalmers fragt, ob das überhaupt eine funktionale Frage ist. Prüfe, ob deine damaligen Kriterien vor oder hinter der Erklärungslücke lagen.
Aktion: NABU Fledermausexkursion
9 Lesen: Anna Tsing, Der Pilz am Ende der Welt
Außermenschlich: Gehe 45 Minuten langsam durch einen Park, Wald oder urbanen Raum und notiere nur Beziehungen: Pilz–Holz–Feuchte–Insekt–Mensch, Müll–Wind–Tier–Pflanze usw.
Museum: Museum Koenig Bonn
10 Lesen: Oliver Sacks, Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Ausfall-Kartierung: Für jede Fallgeschichte eine Zeile: Welche Fähigkeit fiel aus — und welches Stück »Ich« verschwand damit? Sortiere am Ende nach der Frage, ob der Ausfall die Person verkleinert, verändert oder unberührt gelassen hat.
Museum: Kunsthaus KAT 18
11 Lesen: Bruno Latour, Das terrestrische Manifest
Dein Ort: Kartiere Wasser, Energie, Müll, Verkehr, Nahrung, Hitze, Grünflächen, Lieferketten und Wetterabhängigkeiten deines Wohn- oder Arbeitsortes.
Video: Bruno Latour – Anthropocene Lecture
12 Lesen: Daniel Dennett, Consciousness Explained (Kernkapitel zum Multiple-Drafts-Modell)
Kartesisches Theater aufspüren: Durchsuche deine eigenen Notizen der bisherigen Module nach zehn Formulierungen, die heimlich einen inneren Zuschauer voraussetzen — »mir wurde bewusst«, »vor meinem inneren Auge«, »ich beobachtete mich dabei«. Schreibe jede ohne Publikum um.
Direktduell: Eine Seite Dennett gegen Metzinger. Beide leugnen das Selbst — aber Metzinger behält das phänomenale Modell, Dennett löst es in Erzählschwerpunkte auf. Wer zahlt den höheren Preis?
Video: Daniel Dennett – The Illusion of Consciousness
13 Lesen: Jane Bennett, Vibrant Matter (Einleitung, Kap. 1, 2 und 3)
Dinge: Wähle drei alltägliche Dinge und protokolliere eine Woche lang, wie sie Verhalten mitsteuern: Tür, Stuhl, Kabel, Schuhe, Tasse, Kühlschrank.
Museum: Kunstsammlung NRW
14 Lesen: Stanisław Lem, Solaris (komplett)
Nicht-Übersetzung: Wähle drei nichtmenschliche Entitäten aus deinem Alltag — Zimmerpflanze, Empfehlungsalgorithmus, Wetterlage, Schimmel, Haustier. Beschreibe jede zweimal: einmal mit Absicht und Wollen, einmal streng ohne jede mentalistische Vokabel. Notiere, was in der zweiten Fassung verschwindet und ob es fehlt.
Interferenz zu Bennett: Bennetts lebhafte Materie soll uns ethisch öffnen. Lems Ozean zeigt, was passiert, wenn das Nichtmenschliche antwortet, aber nicht kommuniziert. Prüfe, ob Vibrant Matter für Solaris gerüstet ist.
Film: Solaris (Tarkowski, 1972)
15 Lesen:
Stefan Sorgner, Transhumanismus: die gefährlichste Idee der Welt? (Kap. 2 und 3)
Francesca Ferrando, Posthumanism, Transhumanism, Antihumanism, Metahumanism, and New Materialisms: Differences and Relations
Alison Kafer, Feminist, Queer, Crip
Selbstoptimierung: Liste alle Praktiken auf, mit denen du dich steuerst oder verbesserst: Ernährung, Training, Tracking, Produktivität, Schlaf, Sprache, Stil, Apps. Ordne sie dann grob: transhumanistisch, disziplinarisch, fürsorglich, posthuman-relational.
Film: Gattaca
16 Lesen: Andy Clark, The Experience Machine (2023)
Kognitiver Fußabdruck: Notiere eine Woche lang jede Auslagerung — Kalender, Notiz-App, Suche, Karte, jemanden fragen, Zettel. Verzichte dann 24 Stunden auf eines dieser Mittel. Unterscheide präzise: Wo fehlte ein Werkzeug, wo fehlte eine Fähigkeit?
Interferenz zu Sorgner: Deine Selbstoptimierungs-Liste aus Modul 15 gehört hierher zurück. Der Transhumanismus will den Geist erweitern und behält dabei ein Zentrum. Clark sagt, das Zentrum war nie da. Sortiere deine Praktiken danach, welche Annahme sie stillschweigend machen.
Video: Andy Clark – Predictive Processing
17 Lesen:
Philip K. Dick, Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Mark Coeckelbergh, AI Ethics
Empathie: Beobachte in einer Woche drei Situationen, in denen du Empathie zuschreibst oder verweigerst – gegenüber Menschen, Tieren, Maschinen oder Figuren. Frage jeweils: Woran mache ich »Innerlichkeit« fest?
Film: Blade Runner
18 Lesen:
Stanislas Dehaene, Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Kernkapitel zum Global Workspace)
Giulio Tononi und Christof Koch, Consciousness: Here, There and Everywhere? (2015)
David Chalmers, The Conscious Mind (Kap. 8, Fading und Dancing Qualia)
Bewusstseins-Skala: Formuliere zuerst deine eigenen Kriterien, ab wann du etwas Bewusstsein zusprichst. Teste sie dann an acht Kandidaten: schlafender Mensch, Vollnarkose, Fötus, Krake, Biene, Sprachmodell, Wald, Aktiengesellschaft. Trage danach ein, was Global Workspace und was IIT jeweils sagen würden.
Interferenz zu Coeckelbergh: Dick und Coeckelbergh fragen, ob Maschinen moralisch zählen. Dehaene und Tononi behaupten, man könne das messen. Halte fest, an welcher Stelle deine Empathie-Zuschreibung aus Modul 17 mit dem Messwert kollidiert — und welchem du folgen würdest.
Video: Christof Koch – Consciousness and Integrated Information Theory
19 Lesen:
Rosi Braidotti, Posthumanismus (Kap. 3 und 4)
N. Katherine Hayles, The Life Cycle of Cyborgs: Writing the Posthuman
Körpergrenzen: Halte eine Woche lang fest, wo dein Körper nicht abgeschlossen erscheint: Müdigkeit, Kleidung, Temperatur, Medikamente, Technik, Möbel, Blicke, Rhythmen.
Film: Her
20 Lesen: Peter Watts, Blindsight (komplett)
Kosten des Bewusstseins: Sammle eine Woche lang Situationen, in denen bewusste Aufmerksamkeit die Leistung verschlechtert hat — Sport, Sprechen, Einschlafen, Erinnern, Tippen. Formuliere danach in drei Sätzen, was Bewusstsein leistet, das ein Zombie nicht leisten könnte. Ohne Rhetorik.
Interferenz zu Braidotti: Braidottis posthumanes Subjekt ist affirmativ und relational. Watts stellt Bewusstsein als evolutionären Fehler dar, den Intelligenz nicht braucht. Schreibe eine halbe Seite: Was bleibt von posthumaner Ethik, wenn Watts recht hat?
Aktion: Dunkelrestaurant
21 Lesen:
Nick Srnicek, Plattform-Kapitalismus (Einleitung, Kap. 1 und 4)
Deborah Lupton, How do data come to matter? Living and becoming with personal data
Jennifer Whitson, Why a Humanist Ethics of Datafication Can’t Survive a Posthuman World
Datenspur: Rekonstruiere für einen Tag so vollständig wie möglich, wo Daten über dich entstehen. Unterteile in freiwillig gegeben, automatisch erzeugt, wirtschaftlich verwertet.
Museum: Heinz Nixdorf MuseumsForum
22 Lesen: Evan Thompson, Waking, Dreaming, Being (Kapitelauswahl zu Traum, Tiefschlaf und Meditation)
Schwellen-Tagebuch: Notiere drei Wochen lang direkt nach dem Aufwachen — Traumfragmente, hypnagoge Bilder beim Einschlafen, Momente zwischen Schlaf und Wachheit. Ziel ist nicht der Trauminhalt, sondern die Frage: Gab es ein Ich, und wenn ja, welches?
Hintergrundpraxis: Parallel an 14 Tagen je 20 Minuten Praxis. Notiere jeweils einen Satz zum Unterschied zwischen fokussierter Aufmerksamkeit und bloßem Gewahrsein — genau die Unterscheidung, an der Thompsons Brücke zur Kognitionswissenschaft hängt.
Film: Waking Life (2001)
23 Lesen:
Francesca Ferrando, Philosophical Posthumanism (Einleitung, Kap. 4, 5 und Conclusion)
Benjamin Bratton, The Black Stack
Stefanie Fishel, Performing the Posthuman: An Essay in Three Acts
Manifest: Schreibe zehn Thesen dazu, was aus Verantwortung, Technik, Körper, Tieren, Klima, KI und Subjektivität folgt. Prüfe danach jede These auf Widersprüche oder blinde Flecken.
Museum: NRW-Forum Düsseldorf
24 Projekt
Concept Map beider Stränge, Abgleich aller Notizen, Abschlussessay von 15 bis 20 Seiten.