13. August 2026
Tags: Gesellschaft, Wissenschaft, Challenge
Lesezeit: 6 Minuten

Der erste richtige Monat geht in die Vollen! Nicht nur lesen, sondern direkte Selbstbeobachtung. Bin ich wirklich so autonom, wie es der Mensch von sich behauptet? Entscheide ich selbst, oder tun das andere oder einfach nur das »Es« nach Sigmund Freud.
Vor diesem Selbstversuch bin ich in einer sehr zwiegespaltenen Stimmung; ich kann nicht abstreiten, dass ich etwas Angst vor den Antworten habe, aber auch dass ich eine herrliche Leichtigkeit empfinde.
Die Zerstörung meines autonomen Ichs ist das Protokoll meiner ersten Modulaufgabe. Es ist der Stand von heute. Wahrscheinlich werde ich an dieses Protokoll im Laufe der Lese-Challenge immer mal wieder Kommentare und neue Erkenntnisse anfügen; ohne diese Version zu verändern. Es wird für mich, und auch für euch, ein lebendes Dokument meiner wandelnden Erkenntnis und Reflexion sein.
Die Antworten werde ich nicht so strukturiert herunterschreiben, sondern eher als Gedächtnisprotokoll. Ich möchte es auch ein wenig nett haben und nicht nur Checklisten abhaken. Für euch wird es zum Lesen auch angenehmer sein. Ich protokolliere die Sessions nach einem einfachen Schema:
Heute habe ich mich entschieden eine eine Mail zu schreiben. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, keine Mail zu schreiben. Diese Mail war mir aber wichtig! Ich hatte etwas Angst, war aber auch wütend und irritiert.
Die Mail habe ich abends, kurz vorm Schlafen gelesen. Ich war dementsprechend schon etwas müde und empfänglich für Stimmungen - mein Panzer war bereits heruntergefahren. Dementsprechend war die Nacht auch kürzer als sonst. Ich musste mich regelrecht in den Schlaf hineinwinden. Außerdem waren es die ersten sehr warmen Tage dieses Jahr, also war es im Schlafzimmer gute 23°C, was für mich schon etwas zu viel zum Schlafen ist.
Ein Problem ist, dass wir immer und überall erreichbar sind. Abends habe ich die Mail auf meinem Handy gelesen und dann morgens auf meinem PC beantwortet. Da ich versuche Mails zunehmend objektiver (was auch immer das ist) und emotionsloser zu schreiben, habe ich meine Antwort einmal durch GPT gejagt und meine sprachliche Formulierung ausgelagert (an ein Siliziumgehirn) um möglichst unangreifbar zu sein. Der emotionale Panzer muss halten.
An den Absätzen merkt man schon, dass viele verschiedene Ebenen involviert sind:
Die Liste ist absolut nicht vollständig. Ich habe diesen Absatz mit „Heute habe ich mich entschieden“ angefangen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich wirklich dafür entschieden habe, da meine Mail nur eine Antwort war. Ohne die erste Mail hätte ich mich entscheiden können wie ich will. Es gäbe schlicht nichts zu entscheiden.
Auch die Art der Antwort ist größtenteils gar keine eigenständige Entscheidung. Sie ist geprägt durch vorherige Erfahrungen und Interaktionen. Sie ist geprägt von meinem damaligen emotionalen Zustand. Ohne Vorgeschichte und bei perfekter Stimmungslage, wäre diese Mail einfach durch meine Resilienz weggefiltert worden. Aber so halt nicht.
Das Offensichtliche ist natürlich auch, dass ohne Technik, bei einem persönlichen Gespräch, die Situation deutlich entspannter hätte sein können - oder auch nicht.
Die Frage die bleibt ist: „Ist das meine Mail oder ist die Mail nur das Resultat aus dem Zusammenspiel zwischen mir, einer Person und ganz viel Technik“?
Heute habe ich an dieser Posthumanismus-Challenge mit der zweiten praktischen Übung weitergearbeitet. Ich lese das Buch Posthumanism von Pramod Nayar. Für eine angenehme Umgebung habe ich gesorgt. Oft ist ein sonores Hintergrundrauschen eine wahre Fokussiereinheit. Für mich ist es das Rauschen von Blättern und der freie Blick in die Ferne. Blätterrauschen ja, der freie Blick nur halb. Zum Lesen setze ich mich auf eine Parkbank an der Regattabahn in Duisburg.
Die Challenge fordert ja etwas Alltägliches. Draußen sitzen und Lesen oder Musikhören ist für mich alltäglich - ich mache das regelmäßig; entweder zum Entspannen, neue Musik zu suchen, oder auch zum Üben von Vorträgen.
Wodurch das Sitzen und Lesen möglich wurde beschreibe ich von ganz nah zu ganz fern; also örtlich, zeitlich und situativ.
Ganz nah: ich habe ein Buch in der Hand. Ich kann die papiernen Seiten umblättern. Ich kann Buchstaben sehen und zu Worten zusammensetzen. Ich kann Worte zu Sätzen, Sätze zu Absätzen, und Absätze zu Kapitel zusammensetzen und verstehen. Ich kann mir einen Plan machen und diesen auch verfolgen. Ich merke, welche Aussagen der Autoren meine Werte widerspiegeln und welche Aussagen innere Abwehr erzeugen. Ganz fern: ich kann mich sehen, wie ich in einem Geflecht an Ideen und Gedanken ganz losgelöst, fast nebulös bestehe.
Ganz nah: ich sitze auf einer Bank. Die Bank ist aus Holz. Wer hat diese Bank hier aufgebaut? Welcher Baum wurde dafür zersägt? Die Bank steht an einem künstlichen Gewässer. Das Gewässer wird von einem Schotterweg umgeben. Auf diesem bin ich hierhergefahren. Zu diesem Weg führt eine asphaltierte Straße. Auf diese asphaltierte Straße führt eine andere asphaltierte Straße. Der Mensch hat schon wirklich viel an unserer Umwelt geändert. Ganz fern: ist das der Fluss der den Menschen mit der Umwelt verbindet?
Ganz nah: ich spüre den Wind auf meiner Haut. Ich höre verschiedene Vögel zwitschern. Ich kann den Geruch des Papiers meines Buchs wahrnehmen. Ich sehe einen Jogger auf der anderen Seite der Regattabahn laufen. Ich schmecke das ausgekaute Kaugummi. Ich bin unsicher bei einigen Entscheidungen, die ich irgendwann treffen muss. Ich freue mich auf das Finale der Boulder Bundeliga. Ganz fern und doch so nah: ich habe Angst vorm Sterben.
Beim Schreiben fällt mir auf, dass sehr wahrscheinlich nichts davon selbstbestimmt ist. Der Weg und die Bank sind nicht von mir gebaut. Das Buch ist nicht von mir geschrieben. Lesen habe ich nicht mir selbst beigebracht. Auf eine Schule wäre ich nicht von allein gegangen.
Ich kann in diesem Moment entscheiden, ob ich lesen oder in die Kneipe gehe, aber meine Interessen, meine Werte sind durch meine frühkindlichen Erfahrungen sehr stark geprägt. Super viel Spielraum für autonome Entscheidungen ist da nun auch nicht.
Die Frage die bleibt ist: „Ermöglichen mein soziales Umfeld und meine Gefühle erst mein Handeln?“
Gerade habe ich mir meine zweite Tasse meines morgendlichen Kaffees gemacht. Ich mache diesen immer tassenweise frisch mit einem Keramikfilter und einem guten gemahlenen Kaffeepulver. Der Duft ist immer mein erstes Highlight nach dem Aufstehen.
Ganz eindeutig, ich mag einfach Kaffee. Aber warum? Natürlich, das ist einfach meine Persönlichkeit Kaffee zu mögen. Um das geradezurücken, erinnere ich mich gerne an meine Schulzeit. Mein Vater war schon immer Frühaufsteher. Als ich aus meinem Zimmer in die Küche kam, war meist bereits der Kaffee (irgendeine Melange) in der French Press fertig. Meine Mutter hat oft starken schwarzen Tee getrunken. Sie ist aber eine Nachteule, war also morgens nicht am Frühstückstisch. Ich wage also zu vermuten, dass meine Vorliebe für Kaffee durch diese sehr schöne Zeit eindeutig geprägt ist. Ich bin kein Teetrinker geworden.
Für Kaffee brauche ich, wie viele andere auch, einige Komponenten. Das Offensichtliche ist das Kaffeepulver. Ich kaufe dieses gemahlen einfach im Supermarkt. Durch längeres Herumprobieren, aber auch durch Empfehlungen anderer habe ich mich auf eine Marke festgelegt. Das ist eine bekannte Marke, die auch Werbung schaltet. Eigentlich habe ich mir immer gesagt, dass ich genau diese Marke nur darum kaufe, weil sie mir so gut schmeckt. Nach dem letzten Artikel über Impression Management bin ich mir sicher, dass das nicht stimmt. Natürlich habe ich mich beeinflussen lassen, von den Empfehlungen. Natürlich habe ich mich von der Werbung beeinflussen lassen. Eine große Marke steht ja auch für Qualität? So fällt mir auf, dass meine Entscheidung für genau dieses Kaffeepulver nicht mehr nur mir zugeschrieben werden kann.
Man benötigt auch ganz alltägliche Dinge, wie Wasser, Strom, Wasserkocher/Herd und Tassen zur Zubereitung. Man muss in einer gesundheitlichen und körperlichen Verfassung sein, Kaffee trinken und verarbeiten zu können. Man muss natürlich auch das nötige Geld dafür haben. Für mich ist klar, wenn nur eines davon fehlen würde, wäre mein Morgenkaffee nicht möglich. Wie autonom bin ich nun, nachdem ich das weiß?
Jedes Mal, wenn ich mich mit einer alltäglichen Tätigkeit beschäftige, wird klar, dass Entscheidungen, die ich mir selbst zuschreibe, nicht zwingend meine sind. Manche davon sind einfach so (Tee oder Kaffee) und andere verfolgen knallharte finanzielle Ziele (Werbung für eine Kaffeemarke). Um diesen Text abzuschließen, stelle ich die Frage, die am Ende steht: Was davon bin ich, was davon kommt von außen und wo ist hier die Grenze? Im Endeffekt sind wir alle in ein Netzwerk von Lebewesen, Nicht-Lebewesen, Technik und Kultur verflochten.